Ihre Meinung - Wege aus der Pflegekrise

Ihre Meinung - Wege aus der Pflegekrise

  • Live-Talk mit 100 Zuschauern und Experten.
  • Betroffene schilderten in drastischen Beispielen den Pflegenotstand.
  • Mehr Solidarität der Pflegekräfte notwendig.
  • Pflege-Kammer als Anlaufstelle denkbar.

Am Mittwoch (11.10.2017) begrüßte Moderatorin Bettina Böttinger in der Live-Sendung "Ihre Meinung" 100 Zuschauer und drei Experten: NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), den Pflegekritiker Claus Fussek und die Pflegewissenschaftlerin Tanja Segmüller.

Wobei auch die Zuschauer viel Expertise beisteuerten: Alle, die sich zu Wort meldeten, waren entweder Pflegekräfte, pflegende Angehörige oder pflegebedürftig. So wurden in 90 Minuten viele anschauliche Erfahrungen geschildert.

Der Pflegenotstand

Bettina Böttinger im Dialog mit einer Zuschauerin

Bettina Böttinger im Dialog mit einer Zuschauerin

Eine junge Frau im Rollstuhl, die immer wieder auf Intensivstationen liegt, weil sie beatmet werden muss, sagte: "Ich habe Angst, wenn ich klingele und keiner kommt." Sie selbst müsse den Pflegekräften die Besonderheiten ihrer Krankheit erläutern. Aber auch Krankenschwestern schilderten ihre Nöte, wenn sie als einzige Fachkraft in der Nacht entscheiden müssen, wer nun die Hilfe dringender brauche.

Eine Mutter, die seit 16 Jahren ihre schwerbehinderte Tochter pflegt, sagte: "Ich bin ausgelaugt, kaputt." Weil sie, wenn der ambulante Pflegedienst ausfällt, einspringen muss. Dann komme es bei ihr zu Mammut-Pflege-Schichten.

Ein Angehöriger erzählte von seiner Mutter, die zunächst in einem schlechten Pflegeheim war. Nach einem halben Jahr sei sie dauerhaft im Bett gelandet, "vollgepumpt mit Psychopharmaka". Nun sei die Mutter in einem Heim, wo sie sehr gut aufgehoben sei. Sein Beispiel zeigt die ganze Bandbreite der Pflege in Deutschland.

"Meine Schwiegermutter wurde im Heim ruhig gestellt", erzählte ein Mann. Und zwar ohne Rücksprache mit den Angehörigen. "Das war heimliche Euthanasie", so seine bittere Klage. Der Begriff Euthanasie fiel mehrfach am Abend. Eine Pflegerin, die zugleich auch pflegende Angehörige ist, war sich sicher: "Es sterben täglich unterversorgte Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen."

Der Personalmangel

Eine junge Altenpflegerin schilderte, dass sie mitunter 12 Tage hintereinander arbeiten muss. Im Nachtdienst sei sie alleine für 64 Bewohner zuständig. Ihre Konsequenz aus dieser Überlastung: "Ich will raus aus der Pflege." Und das obwohl sie ihren Beruf liebt und gerne "alten Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern will".

Bettina Böttinger mit Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)

Bettina Böttinger mit Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)

Pflegewissenschaftlerin Tanja Segmüller sagte, dass ausgebildete Pflegekräfte im Schnitt nur sieben Jahre im Beruf bleiben. Auch das forciere den Fachkräftemangel in diesem Bereich. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann ist sich sicher, dass wir in der Pflege Zuwanderung aus dem Ausland brauchen. Und er lobte die hohe Zahl der Umschulungen in Deutschland. Aber eine Pflegekraft merkte kritisch an: "Wir können nicht jeden von der Straße nehmen." Immer wieder geriet der Minister in die Defensive angesichts des fachkundigen Publikums.

Die Solidarität

Der Sozialarbeiter und Pflegekritiker Claus Fussek forderte von den anwesenden Fachkräften: "Solidarisiert euch!" Viele der geschilderten Fälle seien schlicht kriminell und ein Fall für den Staatsanwalt. "Wer hat das System über Jahre stabilisiert? Die Pflegekräfte!" Es gehe um "die Schicksalsfrage der Nation", dem müssten sich alle stellen.

Auch Pflegewissenschaftlerin Segmüller rief die Pflegenden zu einer besseren Vernetzung auf: Nur sechs Prozent seien in einem Berufsverband. Bei schlechten Arbeitsbedingungen sollten sie kündigen. "Sie finden jederzeit woanders eine Stelle", machte sie den Fachkräften Mut.

Die Pflege-Kammer

Tanja Segmüller lobte das System der Pflege-Kammern. In Rheinland-Pfalz gebe es bereits eine. Es sei eine Anlaufstelle für Pflegekräfte und Angehörige, um Missstände anzuzeigen. Gesundheitsminister Laumann stellte in NRW eine Pflege-Kammer in Aussicht. Doch erst mal will er die Pflegekräfte befragen, ob sie eine derartige Institution wollen.

Der Respekt

Und auch das wurde deutlich in der Sendung: Wer andere pflegt, hat viel Respekt verdient. Seien es die Angehörigen, die in der häuslichen Pflege, in Krankenhäusern oder Heimen unterstützend aktiv sind. Oder die examinierten Kräfte, die mit Engagement, Fachwissen und Erfahrung für bedürftige Menschen da sind.

Im Pflegebereich arbeiten besonders viele Frauen. Eine von ihnen sagte selbstbewusst: "Ich bin Fachkraft und so will ich auch behandelt werden." Sie wolle von einem Patienten auch nicht als "Schätzchen" bezeichnet werden: "Ich bin nicht dazu da, ihm den Arsch zu küssen, sondern um ihm den Arsch zu retten." - Es war eine Sendung der offenen und klaren Worte.

Stand: 11.10.2017, 23:42

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