Kein Kontakt zum Vater - Wenn ein Elternteil den Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil unterbindet

Kein Kontakt zum Vater - Wenn ein Elternteil den Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil unterbindet

Von Inga Thiede

Eine Trennung der Eltern: dass die für Kinder traumatisch sein kann, steht außer Frage. Bei den meisten Scheidungen oder Trennungen sind sich die Eltern auch bewsst, dass sie ihre Kinder darunter möglichst wenig leiden lassen möchten und versuchen, konstruktiv die Trennung zu bewältigen. Bei Trennungen, die mit großen seelischen Verletzungen oder sogar mit körperlicher Gewalt einhergehen, geht das meist nicht. Häufig geraten dann auch die Kinder in die Trennungstreitigkeiten und werden dann gegen den Partner, bei dem die Kinder nicht leben, instrumentalisiert. Bei 40% aller Trennungen kommt es, so eine Schätzung von Wissenschaftlern, zu einem zumindest zeitweiligen Kontaktabbruch der Kindes zu einem der Elternteile.

Bettina schräg von unten aufgenommen, sie schaut in den Himmel.

Bettina hat ihren Vater 20 mehr als 20 Jahre lang nicht gesehen.

Manche Elternteile instrumentalisieren ihre Kinder gegen den Ex-Partner

Manchmal instrumentalisiert ein Elternteil das Kind gegen das andere Elternteil, um eigene Verlustängste zu reduzieren und Hass- und Rachegefühle dem früheren Partner gegenüber auszuleben. Die Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung wird nicht wahr- oder billigend in Kauf genommen.

Bettina sitzt an einem Tisch, puzzelt ein Foto-Puzzle.

Ihr Leben kam ihr lange so vor, als ob ein wichtiges Puzzle-Stück fehlen würde.

Das instrumentalisierende Elternteil ist meist davon überzeugt, dass es besser für das Kind ist, ohne den anderen Elternteil aufzuwachsen. Ihr Motto ist oft: Klar sind beide Eltern wichtig für Kinder, aber nicht DIESER Vater bzw. DIESE Mutter. Oder sie gestehen vordergründig sogar zu, dass es wichtig ist, Kontakt zu halten, behindern dann aber die Kontaktaufnahme soweit wie möglich. So helfen sie nicht mit, wenn es um den Transport von einem Ort zum anderne geht, sie verweigern sich gemeinsamen Gesprächen mit dem oder der Ex, wenn es um die gemeinsame Sorge geht. Manchmal werden selbst von Fachleuten begleitete Kontakte als unzumutbar für das Kind abgelehnt.

Bettina sitzt auf einem Stein, spielt mit kleinen Steinen

Mit ihrer Familie ist Bettina heute noch nicht rund. Gemeinsame Familienfeste - immer noch undenkbar.

Methoden der Manipulation

Manipulierende Elternteile unterstützen nicht das Zustandekommen einer guten Eltern-Kind-Beziehung mit dem Ex-Partner, sondern unterstützen das Kind, wenn es seine Beziehung zum Ex-Partner nicht pflegt. Und sie erwarten, dass der oder die Ex es akzeptiert, wenn ein Kind den Kontakt ablehnt, sonst wird dem oder der Ex Rücksichtlosigkeit vorgeworfen. Ein paar Beispiele:

  • Das andere Elternteil wird bewusst aus dem Alltag des Kindes herausgehalten. Es gibt keine (freiwillige) Informationsweitergabe über Schulnoten, Schulfeste, Elternabende, oder Ärztebefunde etc.. Das gleiche gilt für Familienfeste: der oder die Expartner/in wird nicht informiert, nicht eingeladen, oder die eigene Teilnahme abgesagt für den Fall, dass der oder die Ex auftauchen sollte. Auch werden vereinbarte Besuchszeiten strikt eingehalten, kein Ersatz für ausgefallene Besuchszeiten angeboten.
  • Ferien oder Übernachtungen beim Ex-Partner werden abgelehnt mit der Begründung, dass eine längere Trennung vom anderen Elternteil nicht zumutbar wäre. Auch werden hohe Feiertage wie z.B. Weihnachten nicht mit dem Ex geteilt.
  • Telefonische Kontaktaufnahmen des Ex-Partners werden als Störung im neuen Familienalltag ausgemacht. Das Kind wird nicht ermutigt, einen normalen Kontakt zu pflegen, zum Beispiel zum Geburtstag, nach der Zeugnisvergabe o.ä. von sich aus anzurufen. Sogar beispielsweise Krankenhausbesuche des Ex-Partners werden nicht eingefordert, weil die Begründung der Kinder, diese seien langweilig, als wichtiger erachtet wird als der Besuch beim Ex-Partner. Auch wird respektloses Verhalten gegenüber dem Ex toleriert, nach dem Motto: das Kind weiß ja, was es von ihm oder ihr zu halten hat.
  • Der Ex-Partner wird eventuell komplett verleugnet, alles wird verbannt, was an ihn erinnert. Wenn überhaupt, wird über den Ex in ablehnender Weise gesprochen. Geschenke müssen teilweise sogar zurückgegeben werden, Anrufbeantworter-Nachrichten werden gelöscht, Briefe vernichtet. Dem Kind wird auf ellen Ebenen signalisiert: das abgelehnte Elternteil ist so eine schlimme Person, dass man besser gar nichts mehr mit ihr zu tun haben sollte.
Michaela Herchenhan sitzt in ihrem Beratungszimmer

Die Familientherapeutin Michaela Herchenhan fordert Eltern auf, bei Trennungen nie zu vergessen, dass die Kinder beide Elternteile brauchen.

Abgelehnte Partner haben es in der Regel schwer

Die Erfahrung von Experten ist es, dass Sozialarbeiter, Gutachter und Richter sich scheuen, mit wirksamen Maßnahmen gegen Eltern vorzugehen, die es ablehnen, dass oder die Ex sich auch um das gemeinsame Kind kümmert.

Die Sozialarbeiterin und Mediatorin Wera Fischer schreibt:
"Argumentiert wird damit, Zwang gegen den manipulierenden Elternteil verstärke die Angst des Kindes, diesen Elternteil zu verlieren. Das läßt aber übersehen, in welchem Dilemma das Kind steht. Dessen Verleugnen seiner Liebe zum anderen Elternteil geschieht nicht freiwillig, sondern ist aufgezwungen. Das Kind verzichtet darauf, seine Bedürfnisse und Wünsche hinsichtlich des anderen Elternteils zu äußern, weil es sich sonst Konflikten mit dem manipulierenden Elternteil aussetzt, was die eigene Beziehung zu dieser Bezugsperson belastet (oder aus Sicht des Kindes sogar gefährdet). Das Verhalten des Kindes dient deshalb in erster Linie der Konfliktvermeidung mit diesem Elternteil. Das Kind macht einen fatalen Lernprozeß durch: Es muß die eigenen Bedürfnisse unterdrücken, um die Beziehung zum manipulierenden Elternteil zu sichern. Das Verhalten des Kindes richtet sich in erster Linie an den Bedürfnissen des manipulierenden Elternteils aus: Es reduziert dessen Ängste, das Kind zu verlieren. Dieser Prozess geht aber zu Lasten des Kindes, behindert dessen Autonomieentwicklung und die andere Eltern-Kind-Beziehung. Interventionen müssen deshalb der Tatsache Rechnung tragen: Das ablehnende Verhalten des Kindes ist Ausdruck eines elterlichen Defizits."

Bonusvideo:

Stand: 10.02.2016, 17:09

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