Jeder Gewalttäter ist allein verantwortlich

Ich habe meine Frau geschlagen

Jeder Gewalttäter ist allein verantwortlich

Von Jürgen Kura

Es war ein weiter Weg, bis Günther (50) es aussprechen konnte: "Ich war Täter. Ich habe häusliche Gewalt ausgeübt." Erst die Polizei hat ihm Einhalt geboten, als sie gegen ihn für zehn Tage ein Hausverbot erlassen hat. Durch die Teilnahme an der Trainingsgruppe "Mann sein ohne Gewalt" hat Günther gelernt, Verantwortung für sich und sein Verhalten zu übernehmen.

Hinter Milchglasscheibe bedrohte Person

Alltägliche Gewalt ist nicht nur körperlich, sondern auch psychisch

Ich war gewalttätig - ein Mann erzählt

Es war ein weiter Weg, bis Günther (50) es aussprechen konnte: "Ich war Täter. Ich habe häusliche Gewalt ausgeübt." Leicht fällt es ihm auch heute nicht, einzugestehen, jahrelang verbal und körperlich übergriffig gegenüber seiner Frau und seinen beiden Kindern gewesen zu sein. In Konfliktsituationen hat er sie angeschrien, beschimpft, gedemütigt, gestoßen, geschlagen. Alkohol war dabei nicht im Spiel. Zwischen den Taten gab es auch Monate ohne "Ausraster", doch seine Familie wussten nie, wann es wieder aus ihm herausbrach. Angst beherrschte seine Familie, weiß Günther heute. Erst die Polizei hat ihm Einhalt geboten, als sie gegen ihn für zehn Tage ein Hausverbot erlassen hat. Durch die Teilnahme an der Trainingsgruppe "Mann sein ohne Gewalt" hat Günther gelernt, Verantwortung für sich und sein Verhalten zu übernehmen. Er kann heute mit seinen Aggressionen so umgehen, dass andere nicht mehr darunter leiden müssen.

Männerbeine gehen durch eine Zimmertür

Inzwischen können gewalttätige Menschen Hausverbot durch die Polizei bekommen

Häusliche Gewalt

Als häusliche Gewalt werden Gewalttaten zwischen Menschen, die in einem Haushalt zusammen leben, bezeichnet. Gewalt ist eine Handlung, die einen schädigen Einfluss auf die psychische und körperliche Unversehrtheit eines Menschen nimmt. Sie beginnt bereits mit einer verbalen Herabwürdigung und nicht erst dann, wenn jemand zuschlägt. Die Forschung geht davon aus, das 25 Prozent aller Frauen Opfer ihres männlichen Beziehungspartners wurden. Das Dunkelfeld, so wird geschätzt, ist um ein Vielfaches höher. Auch Männer können Opfer werden, doch in der polizeilichen Statistik tauchen sie als solche nicht auf.

Stuhl mit post its auf denen Veränderungswünsche stehen

Ein Schritt zur Veränderung - über Gefühle sprechen lernen

Gewalt ist erlernt

Bei der Ursache für Gewalttätigkeit in Beziehungen gehen Psychologen davon aus, dass diese nicht angeboren ist - sondern "erlernt" wurde. Patriarchalische Traditionen oder psychische Störungen mögen per se eine Rolle spielen, doch die Anti-Gewalttrainer des Programms "Mann sein ohne Gewalt" haben oft die Erfahrung gemacht, dass die Täter in ihrer Kindheit selber Opfer (oft ihrer eigenen Eltern) gewesen sind. Dies ist ihnen allerdings nicht bewusst, sie haben es verdrängt. Mit Konflikten wissen sie nicht anders - zum Beispiel argumentativ - umzugehen. Gewalttätige Muster halten sie für "normal", ihnen fehlt die Eigenwahrnehmung.

Sich als Täter erkennen

Mit Gewalttaten kämpfen Täter gegen ihre Ohnmachtserfahrungen an, ohne dies aussprechen zu können. Sie sehen sich selbst nicht als Täter, sondern als "Opfer" der eigenen Gefühle, gar als "Opfer" der Gegenübers. Dieses sei "selber schuld" daran, dass "man sich so verhalten musste" - durch angeblich provokatives Verhalten. Hilflose Erklärungsversuche, Schuldabwehrverhalten, sagen die Psychologen. Eine "schlechte Kindheit" gehabt zu haben, mag eine Erklärung sein, darf und kann aber nicht als Ausrede gelten. Heute geht man davon aus, dass:

  • Gewalt nicht einfach "passiert", sondern man sich dagegen entscheiden kann,
  • Gewalt kein Zeichen von Stärke sondern von Schwäche ist,
  • Gewalttäter die Pflicht haben, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen,
  • man die Selbstkontrolle über sich wieder erlangen kann,
  • gewaltlose Kommunikation erlernbar ist.
Mann von hinten vor Fenster

Hausverbot kann auch eine Zeit sein, über die Situation nachzudenken

Augen auf bei der Partnerwahl!

Häufig stehen Außenstehende vor dem Rätsel, warum Frauen nicht aus einer gewalttätigen Beziehung ausbrechen. Auch hier liegen die Ursachen oft im Unbewußten. Beziehungen beginnen meist als Inszenierung großer Liebe. Dass vermeintlich starke Männer eigentlich schwach sind, liegt oft im Verborgenen. Nicht vom ersten Tag an wird geschrien und geschlagen. Folgende Indizien können u.a. auf einen gewalttätigen Mann hindeuten:

  • Er ist voller Bewunderung und Vergötterung für die Partnerin (mangelndes Selbstwertgefühl).
  • Er spricht nicht (differenziert) über seine Kindheit oder nur idealisierend über sie (Verdrängung).
  • Er spricht kaum über Gefühle und/oder zeigt sie nicht.(Angst vor seelischen Verletzungen).
  • Er macht immer nur andere für sein Scheitern verantwortlich (Selbstmitleid, Übertragung).
  • Er neigt zu Kontrollverhalten und Eifersucht (irrationale Verlustängste).
  • Er heißt Gewalt im Umgang mit anderen gut. Typische Phrase: "Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet.." (Empathiemangel).
  • Er nutzt keine Alternative für Aggressionen - die jeder Mensch hat - wie z.B. eine aktive Freizeitgestaltung.

Die Gewaltspirale

Neben der schlichten Angst vor einem Gewaltausbruch, hält die Frau oft auch der naive Glaube, der Partner werde sich ändern, von einer Trennung ab. Denn meist "entschuldigt" sich der gewalttätig gewordene Mann bei der Frau und schwört - manchmal auch unter Tränen - dass er "es nie wieder" tun werde. Dies ist aber entweder ein Manipulationsversuch oder ein Trugschluss. Denn wer nicht lernt, über das Tabuthema Gewalt zu sprechen und daran zu arbeiten, überschätzt und überfordert sich selbst. Um so heftiger wird dann der nächste Gewaltausbruch. Diese Gewaltspirale funktioniert nach diesem Schema:

  1. Große Liebe, "Honeymoon-Phase"
  2. Mikro-Angriffe wie Beleidigungen, Zurückweisungen...
  3. Zunahme des feindseligen Verhaltens, Kontrollzwang
  4. Eskalation, Gewaltausbruch
  5. Sofortige Entspannung, Ernüchterung, Reue
  6. Vermeintliche Versöhnung, neue "Honeymoon-Phase"
  7. Schweigen, ambivalente Phase
  8. neue Mikro-Angriffe
  9. Steigerung des gewalttätigen Verhaltens
  10. Eskalation, Terror

Ohne Hilfe von außen, ohne dass er sich mit seinem Verhalten bewußt auseinandersetzt, wird ein Gewalttäter sich nicht ändern. Versuche sich alleine in den Griff zu bekommen, sind meist zum Scheitern verurteilt.

Folder der AWO

Es gibt zunehmend Hilfsangebote für gewalttätige Männer

Täterarbeit ist Opferschutz

Im Jahr 2002 trat das Gewaltschutzgesetz in Kraft, das u.a. der Polizei die Möglichkeit gibt, Gewalttäter der Wohnung zu verweisen. Nachdem der Opferschutz von Beginn an bis heute Priorität besitzt, rückt auch die Täterarbeit in den Blick. Denn auch Täter haben das Recht sich zu entwickeln. Täterarbeit ist auch Opferschutz - das wird spätestens dann deutlich, wenn ein Täter eine neue Partnerschaft mit einer anderen Frau eingeht.

Das Programm "Mann sein ohne Gewalt" der Arbeiterwohlfahrt Köln wird seit 2004 angeboten. Begonnen haben die Psychologen damals mit einer Gruppe von fünf Männern, heute laufen vier Gruppen mit jeweils acht Männern parallel. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 240 Männer betreut, beinahe drei Mal mehr als noch 2007. Dies heißt nicht unbedingt, dass es eine Zunahme häuslicher Gewalt gibt, sondern dass die Sensibilisierung dafür - auch seitens der Männer - größer geworden ist. Die meisten Männer werden von Staatsanwaltschaft, Gericht oder dem Jugendamt geschickt, doch immerhin 20 % melden sich selbst. Neben der Telefon- und Einzelberatung ist der wichtigste Bestandteil das Gruppentraining, das jeweils von einem Mann und einer Frau geleitet wird. Hier lernen die Männer:

  • das Tabu zu brechen und über Gewalt zu sprechen,
  • Kontakt zu anderen Männern aufzunehmen, das Gefühl nicht alleine zu sein,
  • sich nicht "schuldig" zu fühlen, sondern Verantwortung zu übernehmen
  • sich der Konfrontation zu stellen, ehrlich zu sein,
  • den gewaltlosen Umgang mit unangenehmen Gefühlen wie Wut, Ärger und Angst.

Täterarbeit - und dann?

Die Teilnahme an einer Antigewalt-Beratung oder -Training ist keine Garantie für den Erhalt einer Partnerschaft bzw. Ehe. Der beste Schutz für ein Opfer ist die Beendigung der Partnerschaft. Durch Täterarbeit kann auch der Mann einsehen, dass es besser ist, sich (gewaltlos) zu trennen. Im Fall von Günther ist die Frau bei ihm geblieben. Da er spürte, dass er eine Neigung zu Rückfällen hat,gründete er selber eine Nachsorgegruppe für Gewalttäter, die einmal im Monat stattfindet und den Männern gut tut.

Expertinnen-Interviews

Anja Steingen ist Psychologin und seit acht Jahren einer der Trainerinnen des AWO-Programms "Mann sein ohne Gewalt" in Köln. Hier beantwortet sie wichtige Fragen zur Täterarbeit.

1. Zusatzvideo:

  • Wo finden gewalttätige Männer Hilfe?
  • Warum ist die Arbeit in der Gruppe wichtig?
  • Wie erkennt man das Täter sich ändern?
  • Wie wird der Opferschutz sichergestellt?
  • Können Täter sich auch ohne Hilfe ändern?

2. Zusatzvideo:

  • Welche Rolle spielt die Kindheit für Täter?
  • Kann Täterarbeit die Partnerschaft retten?

Stand: 21.09.2015, 16:03

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