Todkrank durch die Pille? - Frauen kämpfen gegen Bayer

Todkrank durch die Pille? - Frauen kämpfen gegen Bayer

Ein Film von Nicole Probst und Fabian Sabo

Die Antibabypille bedeutete für Generationen von Frauen sexuelle Freiheit. Doch einige dieser Hormonpräparate sind sehr umstritten. Felicitas Rohrer glaubt, dass die kleine Pille ihr vor allem großes Leid brachte. Die junge Frau nahm mehrere Monate eine der neueren Antibabypillen ein. 2009 wurde sie als Notfall mit einer doppelten Lungenembolie ins Krankenhaus gebracht. Sie überlebte nur knapp.

Felicitas Rohrer zeigt eine Packung der Anti-Baby-Pille "Yasminelle" am 17.12. 2015 Landgericht in Waldshut-Tiengen

Antibabypille unter Verdacht: Felicitas Rohrer überlebte nur knapp nach mehrmonatiger Einnahme einer der neueren Antibabypillen.

Die damals 25jährige hatte keine Vorerkrankungen, war nicht dick, rauchte nicht. Ihre Ärzte vermuten, dass die Antibabypille Ursache der Erkrankung war. Zahlreiche neue Studien belegen, dass die Pillen der vierten Generation mit dem Wirkstoff Drospirenon im Vergleich zu den Pillen der 1. und 2. Generation ein etwa doppelt so hohes Thromboserisiko besitzen. Die Blutgerinnsel können zu Lungenembolien führen.

Tod durch die Pille?

Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind in den vergangenen 15 Jahren insgesamt 478 Verdachtsfälle von Frauen mit venösen Thromboembolien gemeldet worden, die drospirenonhaltige Verhütungsmittel verschiedener Hersteller angewendet haben, darunter 16 Verdachtsfälle mit Todesfolge. Dennoch werden die Drospirenon-Präparate immer noch häufig verkauft und auch an junge Erstanwenderinnen verschrieben.

Klage gegen Bayer

Felicitas Rohrer muss seit ihrer Erkrankung blutverdünnende Medikamente nehmen und kann vermutlich nie Kinder bekommen. Im Mai 2011 hat sie den Pharmariesen Bayer auf Schadensersatz und Schmerzensgeld verklagt. Mehr als vier Jahre musste die junge Frau auf den Prozessbeginn warten, Mitte Dezember hat er begonnen. Der Vorwurf von Felicitas Rohrer lautet: Der Pharmakonzern hätte damals auf das erhöhte Thromboserisiko im Beipackzettel hinweisen müssen. „Ich will Gerechtigkeit und bin die erste in Deutschland, die das macht. Aber ich habe Glück im Unglück gehabt, ich lebe noch“, so die heute 31jährige.

Frau hält Pillenpackung

Felicitas Rohrer verklagte den Pharmariesen Bayer auf Schadensersatz und Schmerzensgeld.

In den USA hat Bayer bereits 1,96 Milliarden Dollar Entschädigung an die Opfer gezahlt – außergerichtlich und ohne Schuldeingeständnis. In Deutschland spricht der Pharmakonzern bislang von Einzelfällen und bedauerlichen Schicksalen. Felicitas Rohrer hat eine Selbsthilfegruppe gegründet. Mit vielen anderen Frauen will sie dafür kämpfen, dass Bayer die umstrittenen Pillen vom Markt nimmt.

Autoren: Nicole Probst und Fabian Sabo
Redaktion: Jessica Briegmann und Martin Suckow

Jessica Briegmann

Portrait Jessica Briegmann

"Menschen hautnah"-Redakteurin Jessica Briegmann

Jessica Briegmann ist seit 2008 Redakteurin für die WDR Reihe Menschen hautnah, ARD Doku und Exclusiv im Ersten. Sie studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Köln, berichtete als freie Reporterin für private und öffentlich-rechtliche Sender und ist seit 2000 beim WDR.

Nach dem Studium arbeitete sie für die Regionalstudios Köln, Dortmund und Düsseldorf, später 5 Jahre lang für die Wirtschaftsmagazine Markt und Plusminus. Geboren 1971 in Ostwestfalen, ist sie nach Wanderjahren in Leipzig, Dortmund und Düsseldorf sowie einem zweijährigen USA-Aufenthalt, im weltoffenen Köln zu Hause.

Relevante Themen so zu erzählen, dass die Filme beim Zuschauer lange in Erinnerung bleiben und im besten Fall etwas in der Gesellschaft verändern - das ist für Jessica Briegmann eine lohnenswerte Herausforderung, die sie mit Spaß und Leidenschaft angeht.

Nicole Probst Mahler

Nicole Probst Mahler, geboren 1975 in Basel. Bereits während der Schulzeit Kinder- und Jugendreporterin bei Schweizer Radio SRF. 1996 Abitur, anschliessend Volontariat zur TV- Autorin beim Schweizer Fernsehen SRF. Sie arbeitete für verschiedene Fernsehformate wie “Kassensturz“ und “10vor10“.

1999 gehörte sie zum Gründungsteam des Jugendradiosenders “Virus“ von Schweizer Radio SRF, welchen sie als Redaktionsleiterin fünf Jahre lang leitete.

2004 Formatentwickung und Autorin bei der Verbrauchersendung von Ringier TV, Weiterbildung als VJ. Seit 2011 arbeitet sie als freie Autorin in Berlin. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Verbraucherthemen.

Stand: 15.02.2016, 12:50

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11 Kommentare

Neuester Kommentar von "Michaela H.", 19.02.2016, 17:03 Uhr:

Meine Nichte hat die Pille wegen ihrer Akne verschrieben bekommen und dadurch einen Thrombose im Stammhirn. Tagelang hatten wir angst um Ihr Leben. Leider ist bei Ihrer Op auch nicht alles glatt gelaufen, in ihrem Spinalkanal ist ein Katheter abgebrochen, das war eine Zeit die ich niemandem wünsche. Auch sie musste 1 Jahr lang Marcumar nehmen und hat 1 Jahr ihres Lebens verloren. Sie hatte fast ihren Lebensmut verloren, weil sie so viel nicht mehr durfte und sich schonen musste. Jetzt ist aber alles wieder gut.

Kommentar von "Anonym", 19.02.2016, 16:09 Uhr:

Sehr geehrtes WDR-Team! Habe soeben den Bericht "diestory" über den Kampf von Felicitas Rohrer gegen den Bayerkonzern von 15.15 h - 16.00 h gesehen. Bin völlig geschockt über die vielen unnötigen Todesfälle und schweren Schädigungen, die jungen Frauen durch diese grenzenlose Geldgier des Pharmakonzerns zugefügt wurde. Da geht einem die Gänsehaut rauf und runter. Ich wünsche Frau Rohrer und ihren Mitkämpferinnen den verdienten Erfolg gegen diesen unverantwortlich handelnden Konzern. Alles alles Gute und ich drücke die Daumen für Gerechtigkeit und Sieg. Hoffentlich sind die Richter nicht pharmagläubig und haben das nötige feeling, was gerecht ist und was nicht. Mit hoffnungsvollen Grüßen und einem großen Danke für aufklärende Berichte und Reportagen des WDR. Rosemarie Schmidt

Kommentar von "eine Bewunderin", 18.02.2016, 20:30 Uhr:

Go Felicitas und Kathrin, alle Kraft für euch!

Kommentar von "Hamann A.", 18.02.2016, 12:01 Uhr:

Meine Schwester musste sich im Jahre 1998, mit 33 Jahren, einer Totaloperation unterziehen. Am folgenden Tag nach der OP klagte sie über Unwohlsein, ihr war kalt. Als sie zur Toilette musste, wurde sie aufgefordert, trotz der frischen Narbe, selbst zu gehen. Durch die Bewegung löste sich ein Blutgerinsel im Unterschenkel und meine Schwester verstarb unbemerkt auf der Toilette des Krankenhauses. Für uns alle heute noch unfassbar.

Kommentar von "Petra Kupfer", 18.02.2016, 11:45 Uhr:

Danke für diese interessante Dokumentation. Ich habe einiges dazu gelernt. Es ist erschreckend, wie der Profit im Vordergrund steht. Meine Tochter hat letzten Sommer eine Antibabypille verschrieben bekommen. Sie ist 18 Jahre alt. Auf meine Nachfrage meinte sie, dass ihre Pille ganz leicht sei und nichts passieren könne. Wie sie heisst: Yasmin. Dass diese ein höheres Risiko hat, wusste sie nicht.

Kommentar von "Nguyen", 18.02.2016, 11:26 Uhr:

An Frau Rohrer: Vielen lieben Dank, dass Sie den Mut gefasst haben, sich dem Kampf zu stellen. Durch das was Ihnen widerfahren ist, hätte ich durchaus Verständnis, wenn Ihnen die Kraft dafür fehlt. Doch Sie kämpfen auch für all diejenigen die schwerstbehindert sind oder schlimmer noch verstorben sind und das leider nicht mehr können. Ich bewundere Sie aufrichtig und wünsche Ihnen alles Gute! An den WDR: Vielen lieben Dank, dass Sie das Thema nicht in der Versenkung verschwinden lassen obwohl sich seit 2014 immer noch nichts ändert. Sie kommen m.E. nach damit Ihrem Auftrag der Wahrung der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit nach. Gerade weil sich nichts ändert und weiterhin ein Verhütungsmedikament als "hippes Lifestyle-Produkt" verschrieben wird, möchte ich Sie bitten dieses Thema bzw. Anliegen wach zu halten.

Kommentar von "M.So.", 18.02.2016, 08:28 Uhr:

Meine Mutter bekam 1968 die "Pille" als Mittel gegen Wechseljahresbeschwerden verordnet. Sie war Nichtraucherin mit gesundem Lebensstil. Die Dosierungen damals waren allerdings höher als heute. Sie ist an der Embolie verstorben. Das hat mich als damals 15 jährige sehr kritisch gemacht, bezüglich offiziellen Risikoeinschätzungen.

Kommentar von "Bauendahl J.", 18.02.2016, 08:20 Uhr:

Ich habe vor 2 Monaten die Pille Yasmin von meiner Frauenärztin bekommen. Vorher hatte ich die Spirale, die aber entfernt werden musste. Vor 4 Wochen hatte ich dann einen Skiunfall und habe innerhalb von 2 Tagen eine Venenthrombose in der Wade bekommen. Ich denke ich hatte Glück das ich die Pille nicht schon länger genommen habe und das mir die Ärzte auch Thrombosespritzen verschrieben haben, auch wenn man die Thrombose erst 1 Woche nach dem Unfall richtig festgestellt, da ich keine typischen Anzeichen in der Wade hatte. Jetzt nehme ich schon seit 5 Wochen Blutverdünner um die Thrombose wieder los zu werden. Ich finde es unverantwortlich das Pillen mit dem Wirkstoff noch auf dem Markt sind und Ärzte diese immer noch verschreiben. Ich werde nach dem Bericht auch mit meiner Gynäkologin darüber sprechen, denn ein Hinweis auf das erhöhte Risiko eine Thrombose habe ich nicht erhalten. Ich bin Nichtraucherin und habe kein Übergewicht. RESPEKT an Frau Rohrer und VIEL GLÜCK für Ihren Kampf.

Kommentar von "Willi", 17.02.2016, 23:17 Uhr:

Typisch WDR immer gegen Bayer warum so eine altes Thema aufwärmen! Keine neuen Erkenntnisse seit 2014!

Kommentar von "Johanna Darka", 17.02.2016, 19:01 Uhr:

Es wäre sehr schön, wenn die Redaktion sich auch einmal mit dem Thema "Ärztliche Behandlungsfehler" und der schlimmen Lage der Betroffenen, sowie mit meinem Buch "Die Wunde in mir - Misshandlung auf Krankenschein" beschäftigen würde. Ich kann nichts dafür, dass auch die Chefredakteurin des WDR, Sonja Mikich, ein Buch veröffentlicht hat. ICH bin nicht in Konkurrenz gegangen. Aber das Thema, mein Buch und meine wichtige Arbeit für die Betroffenen von Arztfehlern sollte nur deshalb auch nicht ausgeblendet werden. Schöne Grüsse an die Redaktion, gerne mal meine Website lesen und in Kontakt mit mir treten: www.johannadarka.com

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