Jung, männlich, marokkanisch - Wie ein Viertel unter Generalverdacht gerät

Jung, männlich, marokkanisch - Wie ein Viertel unter Generalverdacht gerät

Ein Film von Marko Rösseler, Tanja Reinhard und Jörg Laaks

Die Ereignisse der Silvesternacht haben ihre Spuren hinterlassen: Ansammlungen junger Männer aus Tunesien, Libyen, Algerien und Marokko werden jetzt kritisch beäugt. Im Düsseldorfer Maghreb-Viertel bislang nicht, dort bilden Nordafrikaner die Mehrheit. Doch die Bewohner beschleicht das Gefühl: Wir stehen alle unter Generalverdacht.

Maghreb-Viertel

Mohammed Alabdouni. Der Supermarktbesitzer ist glücklich über den massiven Polizeieinsatz.

Mohammed Alabdouni schaut aus dem Fenster seines Supermarktes: "Die Ellerstraße kennt jeder in Marokko." Während er das sagt, scannt sein Blick die vorübergehenden Passanten. Frauen mit Kopftuch, Männer mit Fes, "Klein Marokko" wird das Viertel genannt. Was Herrn Alabdouni aber Sorgen macht, sind junge Männer, die sich seit einigen Jahren vor seinem Laden tummeln: "Die sind illegal hier. Die dealen, die stehlen, die belästigen meine Kundschaft. Und wenn ich die Polizei rufe, dann sind sie schon wieder weg."

Das Maghreb-Viertel in Düsseldorf unter Generalverdacht?

Es wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dass Täter der Silvesternacht auch hierher stammen könnten. Die Bewohner beschleicht das Gefühl: Wir stehen alle unter Generalverdacht. Dann fahren Polizeiwagen vor, dutzende Beamte steigen aus. Es ist der Beginn der Razzia im Düsseldorfer "Maghreb-Viertel".

Maghreb-Viertel

40 Verdächtige werden bei der Großrazzia vorläufig festgenommen. In einem extra aufgebauten Zelt werden die Verdächtigen nach Drogen und anderen Hinweisen auf Straftaten durchsucht.

40 Verdächtige werden bei der Großrazzia vorläufig festgenommen. In einem extra aufgebauten Zelt werden die Verdächtigen nach Drogen und anderen Hinweisen auf Straftaten durchsucht.

Eine öffentlichkeitswirksame Polizeiaktion: 300 Landes- und Bundespolizisten sind bei der Großrazzia im Düsseldorfer Maghreb-Viertel im Einsatz - und kurze Zeit später die ersten Kamerateams.

Am Morgen nach der Großrazzia herrscht Aufregung im Viertel: Viele Einwohner mit nordafrikanischen Wurzeln fühlen sich an den Pranger gestellt.

Im Saal einer ansässigen Bank findet am Tag nach der Razzia eine Krisensitzung statt: Wie soll man reagieren?

Oulad Brahim, Busfahrer. Er kümmert sich ehrenamtlich um die Probleme der marokkanischen Community im Viertel.

Mustafa Barkuki, Buchladenbesitzer und Mitglied des örtlichen Gemeindevorstands denkt daran, Deutschland wieder zu verlassen.

Nadja Dari ist bestürzt über die Folgen der Berichterstattung aus dem Viertel: In der Schule werden Kinder gehänselt.

Marokkanerinnen wehren sich gegen das Bild des Viertels in der Öffentlichkeit.

Auch mit dem Rollenbild der unterdrückten Frau können sie nichts anfangen.

Samy Charchira ist Sozialarbeiter und inzwischen das Mediengesicht des Maghreb-Viertels. Auch er ist bestürzt über das verheerende Medienecho nach der Razzia.

Das Viertel nahe dem Düsseldorfer Hauptbahnhof ist die größte marokkanische Community in Deutschland. Viele Bewohner des Viertels mit nordafrikanischen Wurzeln empfinden Düsseldorf als ihre Heimat.

Seit den Überfällen auf Frauen an deutschen Bahnhöfen ziehen Fernsehteams durch die Straßen - auf der Suche nach Motiven und einer schnellen Story. Schon wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dass Täter der Silvesternacht auch hierher stammen könnten. Plötzlich fahren Polizeiwagen vor, dutzende Beamte steigen aus. Es ist der Beginn der Razzia im Düsseldorfer "Maghreb-Viertel". Herr Alabdouni freut sich: "Endlich unternehmen die was."

Währenddessen sperren die Beamten die Cafés rundum ab - einzeln werden die Gäste nach draußen und in ein eilig aufgebautes Zelt geführt und dort durchsucht. 40 von ihnen werden an diesem Abend festgenommen.

Autoren: Marko Rösseler, Tanja Reinhard und Jörg Laaks
Redaktion: Marion Schmickler, Jo Angerer

Stand: 15.02.2016, 13:38

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1 Kommentar

Neuester Kommentar von "Silly", 20.04.2016, 10:07 Uhr:

ein wirklich sehenswerter neuraler Beitrag