Lesbos - Helfer der Gestrandeten

Lesbos - Helfer der Gestrandeten

Es sind Momente, die sich einbrennen: Frauen, Männer und Kinder torkeln auf den Strand, sinken völlig erschöpft zu Boden. Ein Junge, der eigentlich zu "groß" zum Weinen ist, heult hemmungslos.

Wir sind am Strand von Lesbos, mitten in der Nacht. Ein Schlauchboot rutscht auf den Strand, ausgelegt für 30 Menschen, mit 60 Flüchtlingen völlig überladen. Schreie hallen durch die Dunkelheit. Alle sind klitschnass, es ist kalt und doch haben sie Glück in dieser Nacht. Die Menschen, die vor Krieg und Terror geflohen sind, haben die gefährliche Überfahrt von der Türkei nach Lesbos überlebt. Und: Diesmal sind Helfer vor Ort, wie das deutsch-iranische Ärztepaar Bita und Khalil Kermani aus Köln, die die Boote empfangen und den Menschen an Land helfen. Mitten im Chaos, umgeben von Wellen und schreienden Menschen: eine Frau mit einem vier Wochen alten Baby. "Es war unglaublich, sie zu sehen, wie sie das kleine, zerbrechliche Kind rüber gegeben hat", erzählt Bita.

Helfer kümmern sich um eine völlig erschöpfte Frau

Das Ärztepaar Bita (Mitte) und Khalil Kermani (vorn) versorgen eine kranke Frau nach geglückter Flucht auf dem Boot

Der Bruder ihres Mannes Khalil, der Schriftsteller Navid Kermani, hat kurz zuvor Lesbos besucht, die chaotischen Zustände erlebt. Er ruft Khalil und Bita an: "Ihr müsst kommen, ihr werdet hier gebraucht, vor allem als Ärzte." Das Paar überlegt nicht lange und bricht den gerade begonnenen Urlaub auf Kreta sofort ab. Tagelang versorgen sie die oft völlig entkräfteten Menschen medizinisch, geben ihnen zu essen und zu trinken oder nehmen sie einfach nur in den Arm. "Allein die Tatsache, dass wir hier mit anpacken konnten, hat mir emotional geholfen", sagt Bita. "Es hat mir geholfen, nicht von der Trauer über das Schicksal dieser Menschen überwältigt zu werden."

Menschen Hautnah-Autorin Julia Horn hat Bita und Khalil Kermani auf Lesbos begleitet und dokumentiert in ihrem Film, wie das Flüchtlingsdrama auf Lesbos sich weiter verschärft. Immer noch wagen tausende Menschen die gefährliche Überfahrt, auch nachts - obwohl es Herbst wird und die See immer rauer. Außer wenigen privaten Helfern wartet an der Küste niemand auf die erschöpften Menschen. Die Registrierungsstelle für die Flüchtlinge ist 50 Kilometer entfernt. Wenn sie Glück haben, nimmt sie jemand mit, sonst müssen sie die Strecke zu Fuß zurücklegen. Und auch im Aufnahmelager von Lesbos ist die Lage chaotisch.

Flüchtlinge an einem Grenzzaun

Die überfüllte Registrierungsstelle Moria

Der Einsatz der Kermanis ist da zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein - doch für die Menschen, die sie erreicht, von unschätzbarem Wert: Das Ärztepaar hilft, wo es kann, organisiert den Transport zur Registrierung und kauft Tickets für die Weiterfahrt der Flüchtlinge. Bita und Khalil sprechen außerdem die Sprache der vielen Menschen, die aus Afghanistan kommen. Sie hören und verstehen ihre Geschichten, können beruhigen, informieren und Mut machen. "Schon dafür waren viele dankbar", erzählt Khalil Kermani: "Allein, dass sie jemanden hatten, dem sie ihre Geschichte erzählen können... Jede Geschichte war ein Drama für sich." Hinter den Flüchtlingen liegt schon eine lange Reise, doch auf Lesbos ist sie noch lange nicht zu Ende.

Ein Film von Julia Horn
Redaktion: Martin Suckow

Immer wieder fahren die Kermanis nach Lesbos, um Flüchtlingen zu helfen. Wenn Sie das Ärztepaar unterstützen wollen, können Sie spenden:

Kontoinhaber: DIWAN Deutsch-Iranische Begegnungen
IBAN: DE 68370501981930015951
Sparkasse KölnBonn
Stichwort: Flüchtlingshilfe Lesbos

Spendenquittungen können ausgestellt werden.

Stand: 27.04.2016, 16:42