Musterschüler Portugal - Arm trotz Arbeit

Musterschüler Portugal - Arm trotz Arbeit

Portugal dient gerade in Deutschland als Beleg dafür, dass die von Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Schäuble verordnete Euro-Rettungspolitik eben doch funktioniert – trotz des Griechenland-Desasters.

Portugal

Die Geschäftspolitik der deutschen Unternehmen in Portugal wird in Karikaturen als aggressiv und menschenverachtend angesehen. Bloß nicht den Mund auf machen, sagt das Straßenbild in Portugal.

Ein Erfolg Portugals hätte für die „Hilfsstrategie der Eurozone unschätzbare Symbolkraft“, erklärte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft. Und tatsächlich: Die „Rettung“ Portugals in der Finanzkrise ist eine echte Erfolgsstory! Allerdings nicht für portugiesische Arbeitnehmer, Rentner, Kinder und Jugendliche sondern vor allem für ausländische, auch deutsche Unternehmen und Konzerne.

Portugal

Pedro Figueiredo und Margarida Pinho haben keinen Job mehr gefunden und verdienen ihr Geld jetzt mit alternativen Stadtführungen.

Portugal und seine rechts-konservative Regierungskoalition haben ihre Hausaufgaben gemacht: Das Privatisierungsprogramm der „Troika“ wurde ‚über - erfüllt‘ und die Staatsausgaben radikal gekürzt. Dann hat die Regierung Arbeitsgesetze flexibilisiert, niedrigere Renten und Gehälter beschlossen, Steuern erhöht und eingetrieben. „Portugal ist auf einem guten Weg. Die Maßnahmen tragen Früchte“, heißt es. Tatsächlich hat Portugal im Mai 2014 offiziell den Rettungsschirm verlassen und zahlte im Februar 2015 einen Kredit des IWF vorzeitig zurück.

Seit Monaten hört man solche Loblieder auf das Krisenland Portugal, um es als positiven Gegensatz zu Griechenland aufzubauen. Die Portugiesen hätten sich „willig retten lassen und zahlen nun Hilfen vorzeitig zurück“. Die Bürger ließen das zu, die Proteste hielten sich in Grenzen. Und dann wird noch eins draufgesetzt: Dass die Portugiesen lieber „tilgen als betteln“.

Portugal

Arbeitsniederlegung bei Bosch in Portugal

Doch entsprechen die Loblieder der Realität? Die größten Arbeitgeber in Portugal sind inzwischen deutsche Unternehmen. Wie kommt das? Finden sie in Portugal bessere Bedingungen als in Deutschland und hat das etwas mit der Politik der Troika zu tun? Kritische Beobachter ziehen eher eine negative Bilanz der Wirtschaftsentwicklung und stellen eine unangenehme Frage: Wenn die „Medizin“, die die deutsche Regierung und die Troika den Euro-Krisenländern verabreicht – selbst bei „Musterschüler“ Portugal - verheerende Nebenwirkungen zeigt, sollte man dann nicht die Rezeptur überdenken?

Autor: António Cascais
Redaktion: Barbara Schmitz

Stand: 15.02.2016, 14:09

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

*Pflichtfelder

Sie sind schlauer als Spam-Automaten. Bitte antworten Sie auf folgende Frage:

Wie heißt Johann Wolfgang von Goethe mit Nachnamen?

Warum stellt der WDR diese Fragen?

19 Kommentare

Neuester Kommentar von "Anonym", 16.12.2015, 12:11 Uhr:

Der Beitrag reflektiert genau das, woran Portugal krankt: Das Fehlen jeglicher selbstkritischen Betrachtung und die Ableitung und Implementation der logischen Konsequenzen daraus. Es wird gerne nach Schuld im Ausland gesucht, da man nicht gerne die angeblichen opportunistischen Vorteile, die Vetternwirtschaft und Korruption mit sich bringen, aufgeben möchte. Jeglicher Versuch wirtschaftliche Transparenz zu schaffen, von denen es glücklicherweise welche gibt, wird torpediert. Das hat sich wieder bei den vergangenen Wahlen gezeigt. Wenn das Land sich ändern wollen würde, würde das Volk und die Regierung dies tun. Wo ist der Aufschrei das die Verantwortlichen für die Schuldenexplosion nun wieder das Land regieren? Es gibt keinen. Warum António Cascais?

Kommentar von "CDom", 11.12.2015, 20:22 Uhr:

Es ist sicher richtig das nicht nur in Dt verbreitete Portugalbild als Musterschüler der Krise zu hinterfragen. Ob dies in der Doku gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt. Working Poor sind keine portugiesische Erfindung, die Deindustrialisierung hat schon lange vor der Troika begonnen (tatkräftig unterstützt auch durch den jetzt darüber klagenden Präsidenten), der IWF ist seit 1976 schon zum drittenmal in P. Gerade die drei genannten Unternehmen ,(nicht von ungefähr dt ausgewählt) sindEs ist sicher richtig das nicht nur in Dt verbreitete Portugalbild als Musterschüler der Krise zu hinterfragen. Ob dies in der Doku gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt. Working Poor sind keine portugiesische Erfindung, die Deindustrialisierung hat schon lange vor der Troika begonnen (tatkräftig unterstützt auch durch den jetzt darüber klagenden Präsidenten), der IWF ist seit 1976 schon zum drittenmal in P. Gerade die drei genannten Unternehmen ,(nicht von ungefähr dt ausgewählt) sind doc ...

Kommentar von "CDom", 11.12.2015, 20:17 Uhr:

Es ist sicher richtig das nicht nur in Dt verbreitete Portugalbild als Musterschüler der Krise zu hinterfragen. Ob dies in der Doku gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt. Working Poor sind keine portugiesische Erfindung, die Deindustrialisierung hat schon lange vor der Troika begonnen (tatkräftig unterstützt auch durch den jetzt darüber klagenden Präsidenten), der IWF ist seit 1976 schon zum drittenmal in P. Gerade die drei genannten Unternehmen ,(nicht von ungefähr dt ausgewählt) sind doch Beispiele für eine auch in Dt übliche (und ebenso verwerfliche) Praxis, reguläre Arbeitsverhältnisse abzuschaffen (Fleischindustrie, Lidl u andere, aber auch Autobauer), Steuererhebung immer stärker auf Produktion (dh Arbeit) u immer weniger auf Kapital zu verlagern. Diese Parallelen aufzuzeigen sind für dt Zuschauer wesentlich aufschlussreicher um die dt. Eurokrisenpolitik zu verstehen u sich anstatt mit deutschen Banken und Finanzministern mit den por. Mittelschichten zu solidarisieren.

Kommentar von "Paula Santos", 11.12.2015, 16:32 Uhr:

Hallo, ich bin Portugiesin und möchte der WDR Redaktion für die Reportage danken! Das gezeichnete Bild ist nicht verzerrt und entspricht der Realität. Natürlich sind die Probleme in Portugal nicht nur von der EU oder von den ausländischen Gro?konzernen verursacht worden. Auf nationaler Ebene gibt es genug Gründe für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Gesellschaft der Mitverantwortung entziehen möchte. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass Firmen mit viel Umsatz und Gewinn die prekäre wirtschaftliche Situation ausgenutzt haben, um noch mehr Rendite zu erzielen. Und wenn es sich um ein deutsches Unternehmen handelt, ist es für die Mehrheit der Portugiesen empörend. Deutsche Firmen symbolisieren gute und gerechte Arbeitsbedingungen und ein hervorragendes Management, das nicht frei von Ethik und Moral handelt, wie so viele andere. Die Troika hat in Portugal eine katastrophale Arbeit geleistet: die absolute Verarmung der Menschen.

Kommentar von "Anton Küste", 11.12.2015, 12:59 Uhr:

Der Bericht als solches hätte sich verstärkt der teilweise übertriebenen Troika-Maßnahmen der Mitte-Rechts-Regierung seit 2011 widmen sollen. Portugal ist/war Musterschüler Schäubles; Insider lassen verlauten, Portugal hätte es aber mit den „Hausaufgaben“ etwas übertrieben… Allerdings: Ohne die deutschen Unternehmen hier wäre Portugal wahrscheinlich in Kürze einseitiges Agrar- und Tourismus-Land. Hätte auch seinen Charme… Denn, Portugal ist immer eine Reise wert…

Kommentar von "Anton Küste", 11.12.2015, 12:58 Uhr:

Portugal ist deswegen auch so attraktiv, da in der Produktion 600-700EUR, einem Sachbearbeiter/Angestellten um die 900-1000EUR, Betriebswirten und Ingenieure um die 1300 - 1500EUR bezahlt werden (natürlich Brutto!!!). In Europa liegen nur osteuropäische Staaten unter diesen Werten. Hinzu kommt auch, dass die von der konservativen Regierung (kürzlich abgewählt, warum wohl?) durchgesetzten gesetzlichen und pro-Arbeitgeber Arbeitsbedingungen knallhart ausgenutzt werden. Auch von den deutschen Unternehmen, die nicht besser oder schlechter sind als andere diesbzgl.! Es sollte bekannt sein, dass Multinationale Unternehmen auf sehr umkämpften Märkten der Zukunft unterwegs sind, da geht es neben Qualität insb. um Kosten !

Kommentar von "Anton Küste", 11.12.2015, 12:56 Uhr:

Aber: Vielleicht hilft der Bericht, dass in Deutschland mal ein paar Leute „aufwachen“, unter welchen Bedingungen ihre eigenen im Vergleich hohen Gehälter und ihr hoher Lebensstand (auch die von WDR-Journalisten) überhaupt erst ermöglicht werden. Dadurch nämlich, dass multinationale deutsche Unternehmen profitabel kapitalistisch geführt werden, auch und insbesondere durch die günstigen Produktionsstätten im Ausland. Und wenn morgen Portugal zu teuer wird, wird die Produktion fix nach Bulgarien, Rumänien, Weißrussland oder gleich nach China verlagert, und das Werk in Portugal dicht gemacht! Die Kehrseite der modernen, profitgeilen und weltweiten Marktwirtschaft. Ja klar sind die deutschen Unternehmen hier wegen den billigen Löhnen, aber auch wegen den guten Ingenieuren und Universitäten.

Kommentar von "Anton Küste", 11.12.2015, 12:54 Uhr:

Zum Bsp. im Bericht: Zeig mir mal in Deutschland eine fünfköpfige Familie, wo die Mutter als ungelernte Arbeiterin am Band Alleinverdiener ist und ihre Familie komfortabel durchbringt? Das ist überall grenzwertig. Auch in Deutschland soll es Armut bei Leuten geben, die wenig verdienen und wo Familienmitglieder arbeitslos sind… Was soll dann dieser dumme Spruch beim Billig-Discounter: „…das Essen für 5 Personen in einem europäischen Musterland“. Der werte Journalist sollte mal durch Deutschlands Straßen gehen und Interviews vor Aldi und Co. machen, da sieht die Realität vieler Menschen „in einem europäischen Vorzeige-Superland wie Deutschland“ auch nicht anders aus! Fingerzeig ins Ausland, wo es vor seiner eigenen Haustüre nicht viel anders ausschaut ! Das soll guter, öffentlich-rechtlicher Journalismus sein?!

Kommentar von "Anton Küste", 11.12.2015, 12:52 Uhr:

Ich wohne schon seit vielen Jahren in Portugal und kann dazu was sagen. Das multinationale deutsche Unternehmen, insbesondere der Automobil-Industrie, wie andere internationale Unternehmen, von dem niedrigen Lohnniveau hier profitieren, ist nichts neues und hat überhaupt nichts mit Troika und den wirklich hart greifenden Sparmaßnahmen, die seit Jahren über uns niedergehen, zu tun. Der Beitrag ist natürlich tendenziös und einseitig, ich kann mir nicht vorstellen, dass man ernsthaft den Kontakt mit den betroffenen Unternehmen wie Bosch gesucht hat. Da haben sie natürlich auch mit den „richtigen“ gesprochen. Etwas einseitig das ganze dargestellt. Von Betriebsrat-Mitgliedern zu sprechen ist eh falsch, u.U. mit Ausnahme bei VW Autoeuropa, da es das mitbestimm-berechtigte Konzept eines Betriebsrates in Portugal nicht gibt. Die Arbeitnehmer-Vertretungen sind stark mit den hiesigen Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei verbunden.

Kommentar von "Martin", 11.12.2015, 11:26 Uhr:

Isso é precisamente o que eu ter avisado antes da adesão à UE. Pensionistas e de baixa renda terão que sofrer. Na Alemanha, não é muito melhor. Nós absolutamente necessário um salário mínimo europeu e de fato um, a partir do qual se pode viver. Aqueles que trabalham devem ser capazes de viver adequadamente neste sociedade rica. Os povos da Europa deve ser contra o fosso crescente entre ricos e pobres put juntos para defender e pôr fim ao neo-capitalismo por Wolfgang Schäuble. Das ist genau das, wovor ich vor dem EU Beitritt gewarnt habe. Die Rentner und unteren Einkommen werden darunter zu leiden haben. In Deutschland ist es nicht viel besser. Wir brauchen unbedingt einen europäischen Mindestlohn und zwar einen, von dem man auch leben kann. Wer arbeitet sollte in dieser reichen Gesellschaft auch ordentlich leben können. Die Völker Europas müssen sich gemeinsam gegen die immer größere Kluft zwischen arm und reich zur Wehr setzen und dem Neokapitalismus von Herrn Schäuble ein Ende ...

1
2