"Operation Hochzeit" - Wie die Briten NRW erfunden haben

Titelgrafik: Blick auf das Landesparlament, den Rhein und die Düssledorfer Skyline, darauf Schrift "Operation Hochzeit

"Operation Hochzeit" - Wie die Briten NRW erfunden haben

Als Deutschland in Trümmern lag und die Besatzer die Entscheidungen trafen, setzten sie unser Bindestrichland mit den zwei Himmelsrichtungen im Namen in die Welt: Nordrhein-Westfalen. Ein Land, das es vorher nie gegeben hat. Im August 2016 feiert das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands seinen 70. Geburtstag.

Wie alles begann.

NRW entsteht.

sw-Foto: Krupp-Gelände in Trümmern, 1945

Reinbuttern statt rausholen: Die Zerstörungen an Rhein und Ruhr waren größer, als die Briten sich vorgestellt hatten. Wie sollten sie hier die Reparationswünsche aller Alliierten befriedigen?

Reinbuttern statt rausholen: Die Zerstörungen an Rhein und Ruhr waren größer, als die Briten sich vorgestellt hatten. Wie sollten sie hier die Reparationswünsche aller Alliierten befriedigen?

Demokratischer Aufbruch: Das Kabinett Arnold war die erste demokratisch legitimierte Regierung Nordrhein-Westfalens.

Etwas schmucklos ist sie ja: Die Verordnung Nr. 46 ist, wenn man so will, die Gründungsurkunde von Nordrhein-Westfalen. Sie war gleichzeitig der Endpunkt der Diskussionen um die Neuordnung der Provinzen in Westdeutschland. Man entschied sich für die Fusion vom nördlichen Rheinland und Westfalen als Teil von Deutschland.

Angst vor Demontage: Viele demonstrierten gegen die Pläne der Allierten - ein friedliches Deutschland sei nicht ohne funktionierende Wirtschaft möglich.

Karneval polititisch: Schon 1948 fand der erste Rosenmontagszug in Köln statt - die Demontage war Thema eines Mottowagens.

Aber: Wie macht man so etwas? Wie erfindet man ein Bundesland? Warum greift man nicht auf das zurück, was es schon gibt? Was hat man sich dabei gedacht? Und: Hätte es dann nicht auch ganz anders kommen können?

Die Beteiligten (Fotogalerie)

Studenten der Uni Düsseldorf wollten es genau wissen – und gingen auf Spurensuche. Zurück ins Jahr 1946. Sie wälzten Fotos und Dokumente, suchten in Akten und Archiven und begleiteten das WDR-Team auf Interview-Tour nach London und Paris.

"Operation Hochzeit": Spurensuche

Junge Menschen in einem Seminarraum, sie schauen gemeinsam auf einen Computerbildschirm

Hier begann die Recherche: Die Studenten in ihrer "Ermittlungszentrale" in der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität (vlnr: Anne Derksen, Christopher Mastalerz, Maximilian Paus, Marie Theres Derksen, Rik Derksen, David Pogatzki).

Hier begann die Recherche: Die Studenten in ihrer "Ermittlungszentrale" in der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität (vlnr: Anne Derksen, Christopher Mastalerz, Maximilian Paus, Marie Theres Derksen, Rik Derksen, David Pogatzki).

Arbeit mit dem Original: In alten Zeitungen suchten die Studenten danach, was damals eine Meldung wert war. Und wann "Nordrhein-Westfalen" das erste Mal erwähnt wurde.

Das Dach des Düsseldorfer „Stahlhof“, in dem die britische Provinzregierung für Nordrhein ihren Sitz hatte. Hier haben sich einige britische Soldaten verewigt. Ob sie gedacht hätten, dass 70 Jahre später eine Gruppe Studenten darauf stoßen würde?

Schloss Benkhausen in der Nähe von Espelkamp: Hier residierte in den 40ern der stellvertretende britische Militärgouverneur Brian Robertson.

Schloss Benkhausen heute: Auf dieser Insel der Beschaulichkeit im grauen Nachkriegsdeutschland wurde für die Dokumentation gedreht.

In Essen spricht Rik Derksen mit Uta Ranke-Heinemann, Tochter Gustav Heinemanns, über ihre Erinnerungen an den Nachkriegsalltag. Wichtiger als die politischen Planungen war für sie und viele Menschen im Ruhrgebiet damals, woher man etwas zu essen bekam.

Zukunftsplanungen für Rhein und Ruhr: Historiker Christopher Knowles (r) und David Pogatzki sehen im Nationalarchiv in Kew die ehemals geheimen Unterlagen des britischen Außenministeriums durch.

Spurensuche in Paris: Im Archiv des französischen Auswärtigen Amtes recherchiert Rik Derksen in den ehemals geheimen Unterlagen aus der Nachkriegszeit.

Französische Pläne: In einer Karte ist die Abspaltung des Rheinlandes entworfen. Der Staat hätte "Rhenania" heißen und unter französischer Kontrolle stehen sollen.

Entscheidungszentrale: In der Londoner Downing Street wurden damals wie heute die politischen Entscheidungen getroffen. Im Büro des Außenministeriums wurden die Pläne diskutiert, die Rik Derksen im Nationalarchiv gefunden hat.

Überholte Pläne

1945 bestimmen - wie nach jedem Krieg - die Sieger, was mit Deutschland geschieht. Man hat Pläne – aber dann sind die Bedingungen vor Ort ganz anders, als man sich dachte. So auch nach dem Krieg im Rheinland und Westfalen.

Ein Brite notiert, das Ruhrgebiet sei der "größte Schutthaufen, den die Welt je gesehen hat". In Düsseldorf übernehmen die Briten das Kommando. Die Stadt wird zur Machtzentrale der britischen Besatzungsmacht im westlichen Rheinland. Und jetzt? Was soll mit den Menschen, den Trümmerwüsten der Städte und der zerstörten Industrie an Rhein und Ruhr geschehen? Die Infrastruktur ist zusammengebrochen, es wird geplündert, und Millionen von Flüchtlingen kommen hinzu. Und die Sieger müssen sich um all das kümmern. Haben sie einen Plan? Ja – aber jede Besatzungsmacht hat einen anderen …

Die Pläne der Briten und der Franzosen

Es hätte auch alles anders kommen können ...

Grafik: Karte der Besatzungszonen nach dem 2. Weltkrieg

1945 bestimmen - wie nach jedem Krieg - die Sieger, was mit Deutschland geschieht. Haben sie einen Plan? Ja – aber jede der Besatzungsmächte einen anderen …

1945 bestimmen - wie nach jedem Krieg - die Sieger, was mit Deutschland geschieht. Haben sie einen Plan? Ja – aber jede der Besatzungsmächte einen anderen …

Die Zone der Briten reichte von der Küste bis zum nördlichen Teil dessen, was vor dem Krieg die preußische Rheinprovinz war.

Die Franzosen hatten das Ruhrgebiet im Blick. Als Waffenschmiede und "Kern des ganzen Problems" sollte es abgetrennt und zur "internationalen Zone" werden. Köln dagegen wollten sie zur Hauptstadt ihres neuen Rheinstaates "Rhenania" machen, den französische Truppen überwachen sollten.

Zwei Lösungen wurden diskutiert: ein kleines Land, das nur aus dem Ruhrgebiet besteht oder ein großes Land, das sich aus der nördlichen Rheinprovinz und Westfalen zusammensetzt.

Die Franzosen hatten eigene Vorstellungen, wie es an Rhein und Ruhr nun weitergehen sollte. Und auch die Sowjets stellten Forderungen. Die Briten entwickelten schließlich einen geheimen Plan, und nannten ihn "Operation Marriage", "Operation Hochzeit". NRW ist eine britische Erfolgsgeschichte. Doch es hätte alles auch ganz anders kommen können ...

Ein Film von Nina Koshofer
Redaktion: Gudrun Wolter

Literatur:
Rolf Steininger: "Ein neues Land an Rhein und Ruhr - Die Entstehungsgeschichte Nordrhein-Westfalens 1945/46"
Verlag Kohlhammer, 2016
Neu aufgelegter und ergänzter Klassiker - das Buch zum Thema.

Christoph Nonn: "Geschichte Nordrhein-Westfalens"
Beck´sche Reihe, 2009
Kürzerer Überblick, der bis zu den Kelten zurückgeht und die Geschichte NRWs bis in die Gegenwart darstellt.

Stand: 11.08.2016, 16:47

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