Rettet Susi die SPD? – Wie eine Putzfrau die Politik verändern will

Rettet Susi die SPD? – Wie eine Putzfrau die Politik verändern will

Ein Film von Katharina Gugel und Ulf Eberle

"Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet und werde trotzdem in die Altersarmut gehen", sagt die Putzfrau Susi Neumann bei „Sandra Maischberger“. Es ist die vierte Talkshow, in der sie sitzt, seit sie den SPD-Parteichef Sigmar Gabriel öffentlich abgewatscht und gefragt hatte: "Warum bleibt ihr denn bei den Schwatten?" Damit hatte sie offenbar den Nerv vieler WählerInnen getroffen.

Susi Neumann wohnt in Gelsenkirchen-Horst. Ihre Türklingel hängt schief, die Zimmer haben keine eingebaute Heizung, das ganze Haus ist abgesackt und hat Risse. Als wir sie zum ersten Mal treffen, ist die Reinigungskraft seit zwei Wochen neues Mitglied und medialer Shootingstar der SPD. „Das macht mir richtig Angst, dass die Leute jetzt eine Hoffnungsträgerin in mir sehen“, meint sie und gießt ihre Blumen. „Ich habe doch nur meine Meinung gesagt, so wie ich das immer tue.“ Ihre Meinung: Die SPD ist schon lange nicht mehr Partei der Arbeiter, sie hat den Kontakt zu den Geringverdienern verloren.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und Susanne Neumann nehmen am 09.05.2016 an der Konferenz "Wertekonferenz Gerechtigkeit" im Willy-Brandt-Haus in Berlin teil.

Susanne Neumann und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel bei der "Wertekonferenz Gerechtigkeit" in Berlin (09.05.2016).

Susi Neumann ist zum Sprachrohr der kleinen Leute geworden. Für ihre Nachbarin, für die Kolleginnen, für die Biertrinker am Kiosk ist sie die Frau, die "denen da oben" mal sagt, was sonst keiner hören will. In die SPD trat sie ein, weil sie gegen befristete Arbeitsverträge, Niedriglöhne und kleine Renten kämpfen will. "Das muss alles in das Parteiprogramm, die SPD muss Hackengas geben, sonst sehe ich schwarz", sagt sie, bevor sie zum ersten Mal eine Ortsverbandssitzung der SPD besucht. Wird Susi Neumann tatsächlich etwas verändern können in der Partei?

Die Gelsenkirchener Putzfrau hat ein spannendes halbes Jahr vor sich, das der Film begleitet: Mit ihren Putzkolleginnen fährt sie in einer Kutsche vor die SPD-Zentrale in Gelsenkirchen und macht der Landtagsabgeordneten Dampf. Wenig später kündigt Sigmar Gabriel seinen Besuch in Gelsenkirchen an. Er will mit Bürgern diskutieren - Susi Neumann ist nicht eingeladen von der SPD. Ein Affront, findet sie, und geht trotzdem hin.

 Susanne Neumann kniend vor ihrem Gartenteich

Susanne Neumann in ihrem Garten in Gelsenkirchen

Susi Neumann erlebt auch Tiefschläge: Ihre Krebserkrankung kehrt zurück, sie muss wieder zur Chemotherapie. "Das ist vielleicht der Grund, warum ich immer schon gestern alles fertig haben wollte“, vermutet sie. Trotzdem macht sie immer weiter. Zwischen Talkshows und SPD-Terminen sitzt sie mit ihrer Nachbarin im Treppenhaus und hört sich deren Sorgen und Nöte an: 2000,00 € netto als Doppelverdiener für vier Personen, keine Ahnung, wie man die Zahnspange der Tochter zahlen soll und in den Urlaub fahren geht nicht, die Kinder waren sowieso noch nie im Ausland.

Der Film begleitet die resolute Putzfrau bei ihrem Versuch, die SPD abzustauben und liefert dabei auch ein Portrait von Gelsenkirchen und seinen Bewohnern - über 14% von ihnen sind arbeitslos.*

Susanne Neumann

Susanne Neumann beobachtet SPD-Chef Gabriel, der in Gelsenkirchen Fragen der Bürger beantwortet.

Im Windschatten der mitreißenden Susi Neumann untersucht die story den Grund für die Krise der SPD. Ist sie Opfer politischer Entwicklungen, für die sie nichts kann? Oder ist die Misere hausgemacht? Ein Blick von unten auf eine Partei, die einst als Arbeiterpartei gegründet wurde.

Autoren: Katharina Gugel und Ulf Eberle
Redaktion: Ulrike Schweitzer

Hinweis

*Die Arbeitslosenquote in Gelsenkirchen liegt bei 14%. Leider ist uns im Pressetext ein Fehler unterlaufen, für den wir uns entschuldigen.

Stand: 17.11.2016, 19:00

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16 Kommentare

Neuester Kommentar von "Vera Boge", 27.03.2017, 17:55 Uhr:

Bin gerade zufällig bei ´´Daheim und unterwegs´´ gelandet und habe Frau Susanne Neumann gesehen. Wie so oft auch schon in anderen Sendungen. Kann nur sagen ´´ Politiker hört auf diese Frau´´!!! Sie sagt genau was los ist im Volk. Wenn ihr den sozialen Frieden im Land erhalten wollt , hört auf diese Frau!!! Mit einem donnernden ´´Glück auf´´ aus Kärnten, von einer Dortmunderin in Österreich. Herzlichst Vera Boge Zur Zeit Zimmermädchen in Saison.

Kommentar von "H. Richter", 27.03.2017, 17:38 Uhr:

Ich bin Beamtin. Teilzeit, auf Grund von Kindesbetreuung. Aber auch, wenn ich Vollzeit arbeiten wuerde, bezweifle ich, dass ich mal die sieben genannten 3000,- Pension bekomme in 30 Jahren.r

Kommentar von "Roswitha Stelter", 08.03.2017, 10:37 Uhr:

Politiker werden gewählt um sich für die Probleme der Bürger einzusetzen.Aber kaum einer tut dies .Für die Armen ist kein Geld da ,aber Frau Merkel verteilt Miliarden von unserem Geld im Ausland und die eigenen Bürger können hungern.Unsere Bürger sollen bis 67 arbeiten und andere Länder die auch Geld von uns bekommen gehen mit 60 in Rente .Diese Situationen bringen Frust und Agressionen .

Kommentar von "Helma schwanen ", 30.01.2017, 08:06 Uhr:

Wer schraubt die blödsinnige niedrig Rente wieder hoch ? Ich glaube damit wäre ein Problem teilweise gelöst . 70 prozent wären in Ordnung.

Kommentar von "Jürgen Goworek aus Essen / Ruhrgebiet", 28.12.2016, 17:29 Uhr:

Das die SPD, und speziell Herr Gabriel mit seinen akademikerlastigen Parteigenossinnen & Genossen, den Bezug zur Arbeitnehmerschaft komplett abhandengekommen ist und dadurch die Glaubwürdigkeit verloren hat, zeigen uns die vergangenen Landtagswahlen auf. Für mein Dafürhalten sollte einmal bei der SPD die Qualität ihrer Sozialpolitik gründlich aufarbeiten, um letztendlich zu den Grundwerten einer Arbeiterpartei zurückzukehren. Mit parteipolitischen Salonlöwen, die keine bürgernahe Politik machen können und nur eine Wiederwahl als ihr persönliches Wahlziel verfolgen, kann man keine Wahl gewinnen - das haben prima facie auch mittlerweile die letzten wankelmütigen Wähler begriffen !

Kommentar von "Helmut Bach", 10.12.2016, 21:18 Uhr:

Ich hatte beruflich viel Einblick in die Einkommensverhältnisse und habe viele Steuerbesxheide gesehen. Bereits vor über 30 Jahren, mit Einführung der Werkverträge, war zu erkennen, daß viele geänderte Arbeit tsverträge, wie Susi Neumann sagt, nicht für eine ausreichende Altersversorgung ausreichen. Die Auswirkungen werden in den nächsten Jahren eine gigantische Armut erzeugen.

Kommentar von "Eveline Heinrich", 20.11.2016, 18:10 Uhr:

Dieser Bericht zeigte sehr schön, dass der potenzielle Wähler nicht mehr wahr genommen wird. Es heißt zwar Volksvertreter, dem ist aber leider schon lange nicht mehr so. Beispiel Gabriel. Seine selbstherrliche Antwort zeigte dies wieder einmal deutlich. Auch, das von Frau Neumann erwähnte Beispiel (Toilette) zeigte“ von oben herab“, diese Volksvertreter. Frau Neumann machen Sie weiter so oder gründen Sie doch eine eigene Partei!

Kommentar von "J. Pläche", 20.11.2016, 14:16 Uhr:

Schade, dass die SPD leider so weit weg vom kleinen Manne ist. Ich habe mein Leben lang SPD gewählt, werde bei der nächsten Wahl wohl erstmalig Frau Merkel wählen. Sie steht wenigsten, was die Flüchlingskrise betrifft, noch für Werte, die ich vollends unterstützte. Wir sehen doch jeden Abend in den Nachrichten die schrecklichen Bilder aus den Kriegsgebieten! Und diesen armen Seelen sollen wir nicht helfen? Schämt Euch, wer so emphatielos ist. Die SPD seinerseits steht zur Zeit für nix. Ein Ohr für die "Kleinen" wie Susi wäre ein Anfang. S

Kommentar von "Sandra Schumann", 18.11.2016, 12:38 Uhr:

Ich fand den Bericht leider nicht so gut. Er war einseitig dargestellt und nicht gut recherchiert. Eine Gruppe von 6 Frauen die z.T. Arbeitslos sind und vorher nur geringfügig gearbeitet haben (so wurde es im Bericht jedenfalls dargestellt) jammern und meckern über die geringe Rente die sie dann erhalten. Das ist in diesem Zusammenhang dann auch kein Wunder. Ebenso finde ich es persönlich nicht gut dass Frau Neumann über Ihre Lungenkrebserkrankung berichtet, andererseits aber den ganzen Bericht stark raucht. Natürlich ist so eine Erkrankung erschreckend und schlimm, ein bischen Eigenverantwortung für das eigene Leben gehört aber auch dazu. Und mit dem rauchen aufzuhören in so einer Situation sollte doch selbstverständlich sein. Mein Fazit aus diesem Bericht ist: Hier ist eine Gruppe von Frauen die ihr Lebenlang nicht vollzeit gearbeitet haben die gerne und viel meckern und jammern. Konstruktive Lösungsvorschläge haben sie aber nicht. Sie sind nicht bereit Verantwortung für ihr e ...

Kommentar von "Andreas aus Berlin", 18.11.2016, 00:06 Uhr:

Bravo, diese Frau hat Mumm und es gibt noch mehr von ihnen, den Mutigen. Wenn es bald noch mehr Leute gibt, die nicht von ihrer Arbeit leben können kommt vielleicht ein bischen mehr Mut zum Aufstehen. Hoch von der Couch, gemeinsam schafft man das.

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