Leben unter der Tarnkappe – Wenn der Zeugenschutz die Existenz zerstört

Leben unter der Tarnkappe – Wenn der Zeugenschutz die Existenz zerstört

Ein Film von Christoph Goldbeck

Um organisierte Kriminalität und Terrorismus effektiv zu bekämpfen, gibt es in Deutschland ein Zeugenschutzprogramm. Aussagewillige Kronzeugen sollen geschützt werden vor Racheakten derer, die sie verraten: Sie bekommen einen neuen Namen, eine neue Identität. Welche Folgen das für ihr Leben hat, begreifen viele Betroffene erst, wenn sie nicht mehr zurückkönnen

Ein Jahr lang hat Story-Autor Christoph Goldbeck für diese erste Dokumentation über den Zeugenschutz recherchiert, Zeugen ausfindig gemacht, um ihr Leben in der Schattenwelt festzuhalten. Nur wenige waren bereit, mit uns über das Zeugenschutzprogramm zu sprechen – Geheimhaltung ist Teil des Vertrages, den sie eingehen.

Tarndokumente auf Kosten des Staates

Wer bereit ist, Kriminelle durch seine Zeugenaussage der Justiz auszuliefern, gefährdet sich nicht selten selbst – vor allem, wenn er der einzige Zeuge ist. Das Zeugenschutzprogramm soll ihnen die Angst davor nehmen. Auf Kosten des Staates bekommen die Zeugen neue Dokumente – Führerschein, Pass, Kreditkarten – und sollen unter einem anderen Namen an einem anderen Wohnort weiterhin ein ganz normales Leben führen können.

Zeuge mit einem Justiz-Beamten

Der gefährlichste Zeitpunkt für die Kronzeugen – die Aussage vor Gericht.

Eine lückenhafte neue Identität

Doch der Preis dafür ist hoch. Sie verlieren ihre Heimat, müssen Bindungen zu Freunden und Familie kappen, häufig umziehen, eine fremdes Leben erfinden. Und die zugewiesene Tarnidentität ist allzuoft lückenhaft, eine Geburtsurkunde darf nach deutschem Recht nicht geändert werden, Lebensläufe z.B. für Bewerbungsgespräche scheinen nicht mehr schlüssig, wichtige Unterlagen fehlen.

Einsamkeit und sozialer Abstieg

„Der Staat hat mich in die Gosse fallen lassen“, sagt Doris Glück, die eigentlich anders heißt, als wir sie das erste Mal treffen. Der Mann, den sie ahnungslos geheiratet hatte, entpuppte sich als „Gotteskrieger“ – er wurde zur rechten Hand Osama bin Ladens. Sie wurde ins Zeugenschutz-programm gedrängt, half mit ihren Aussagen immer wieder, Top-Terroristen zu identifizieren.

Durch das Zeugenschutzprogramm verlor sie ihren guten Job, ihr gewohntes Leben mit Familie, Freunden und einer vertrauten Umgebung musste sie aufgeben. Sie bekam neue Namen, zog immer wieder um. Ein unstetes und einsames Leben und ein sozialer Abstieg. Keiner durfte wissen, wer sie war. Die Angst vor einem Racheakt ist sie bis heute nicht mehr losgeworden.

Ohne politische Kontrolle

Der Zeugenschutz ist auf Zeit gedacht – am Ende muss der Betroffene seinen alten Namen und seine Identität wieder zurück nehmen. Doch das ist in Zeiten von Facebook& Co. schwierig. Arbeitgeber, Banken, Vermieter glauben an dann Betrug. Mit den Scherben ihres Lebens werden Kronzeugen häufig allein gelassen. Vor dem Zeugenschutzprogramm werden nicht selten Versprechen gemacht und Hoffnungen geweckt, die nicht erfüllbar sind. Politisch kontrolliert wird das Zeugenschutz-programm nicht.

Mann mit Kapuzenjacke

Der Kleinkriminelle – nennen wir ihn Jerome B. - war vier Jahre im Zeugenschutz.

Auch der Kleinkriminelle – nennen wir ihn Jerome B. - war vier Jahre im Zeugenschutz. Seine Aussage half, die Strukturen der Hells Angels aufzudecken und eine albanische Einbrecherbande auffliegen zu lassen. Wenn er gewusst hätte, welche Folgen das Zeugenschutzprogramm für sein Leben hätte, hätte er sich anders entschieden. „Wie ein nasser Sack wird man vor die Tür gestellt, nachdem man seine Aussage gemacht hat“, sagt Jerome ernüchtert.

Autor: Christoph Goldbeck
Redaktion: Gudrun Wolter und Jo Angerer

Stand: 17.05.2017, 11:15

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1 Kommentar

Neuester Kommentar von "Torsten Scholz", 08.06.2017, 20:39 Uhr:

Ich habe eines dieser Opfer aus dem Zeugenschutzprogramm mittlerweile fast 15 Jahre begleitet und weiss, welche Probleme auftreten können. Es ist traurig, dass der Staat erst Versprechungen macht und diese nach getaner Arbeit nicht hält. Trotzdem zolle ich der Haltung und dem Mut von Menschen, die sich der Sache trotzdem annehmen, um der Gerechtigkeit und dem Schutz anderer Menschen zu dienen, großen Respekt. Manchmal dauert es ein wenig, bis Gerechtigkeit belohnt wird, aber man lernt Menschen kennen, die ebenfalls uneigennützig helfen, um die Folgen des "Rausschmisses" aus dem Zeugenschutz abmildern können. Ich bin jedenfalls dankbar, das ich eines dieser Opfer des Staates kennenlernen durfte und eine gute Freundin gewonnen habe.