A40 – Eine Autobahn trennt arm und reich

A40 – Eine Autobahn trennt arm und reich

Ein Film von Marko Rösseler

Quer durch das Ruhrgebiet führt die A40. Auf den ersten Blick bloß eine Autobahn, beim Blick auf die Bevölkerungsdaten eine Trennlinie: Nördlich dieser Strecke leben die meisten Hartz IV-Empfänger und die meisten Migranten, viele von ihnen nicht freiwillig. Aber hier sind die Mieten billiger - im Süden sind sie unerschwinglich.

"Im Essener Süden zu leben ist schön", sagt eine Abiturientin. "Aber es ist auch wie unter einer Käseglocke. Tennisclub, Reitunterricht und nach dem Abi erst mal ein Jahr ins Ausland - das ist hier normal." Tatsächlich ist das Abitur hier die Regel. An Grundschulen im Essener Süden wechseln 85 Prozent der Schüler aufs Gymnasium. Im Norden sind es an einigen Grundschulen gerade mal 15 Prozent.

Sozialäquator A40

Die A40 ist der "Sozialäquator" des Ruhrgebietes - sie trennt den ärmeren Norden vom reicheren Süden. Es gibt wohl kaum eine Metropolregion in Europa, die von einer solchen Kluft durchzogen ist wie das Ruhrgebiet um die A40.

Schulklasse

Grundschulklasse im Essener Norden: Nur jedes zehnte Kind wird hier aufs Gymnasium wechseln - in einigen Schulen im Essener Süden gehen 85 Prozent der Kinder aufs Gymnasium.

Grundschulklasse im Essener Norden: Nur jedes zehnte Kind wird hier aufs Gymnasium wechseln - in einigen Schulen im Essener Süden gehen 85 Prozent der Kinder aufs Gymnasium.

Dr. Shabnam Fahimi-Weber hat eine Praxis im Norden und eine im Süden des Ruhrgebietes - sie kennt den Unterschied zwischen den beiden Welten.

Dr. Shabnam Fahimi-Weber (l.) in einer Grundschule: Sie will Kinder aus dem Norden mit Kindern aus dem Süden des Ruhrgebietes zusammenbringen.

Prof. Peter Strohmeier beschäftigt sich schon sein Leben lang mit der Frage, warum der Wohnort etwas über unser Leben aussagt.

Prof. Peter Strohmeier auf dem "Sozialäquator" - mitten auf der A40, die Arm und Reich im Ruhrgebiet voneinander trennt.

Christian lebt im Norden von Essen - die Wahrscheinlichkeit für Kinder in seinem Stadtteil jemals Abitur zu machen, liegt unter zehn Prozent. Er lernt schwimmen - ein Großteil der Kinder im Norden können es nicht: Den Eltern fehlt das Geld.

Pippa Kolmer unterwegs in eine andere Welt: Die aus dem reichen Süden stammende Abiturientin wird eine Patenschaft für ein Kind im Norden übernehmen.

"Wer unter solchen Bedingungen lebt, der resigniert", sagt Prof. Klaus Peter Strohmeier, der auch die Landesregierung in Sachen Sozialpolitik berät. Für ihn ist der "Sozialäquator A40" längst eine feste Größe: "Früher war sozialer Aufstieg ein Versprechen an alle, heute gibt es dieses Versprechen nicht mehr." Es gibt wohl kaum eine Metropolregion in Europa, die von einer solchen Kluft durchzogen ist wie das Ruhrgebiet um die A40.

Multimedia-Reportage: A40 - Eine Trennlinie zwischen Arm und Reich

Montage: Mädchen auf einem Zaun vor Hochhäusern, Karten

Die A40 durchschneidet das gesamte Ruhrgebiet - und bildet damit eine Grenze zwischen dem armen Norden und dem reichen Süden. Eine Bestandsaufnahme am Beispiel von Essen. | mehr

story-Autor Marko Rösseler beschreibt an der A40 ein Thema, das wir kennen, dessen Bedeutung uns aber noch nicht ausreichend klar geworden ist: Das Heranwachsen einer Generation, kaserniert nicht durch eine Mauer, sondern durch die Verhältnisse, in die sie hineingeboren werden. Diese Generation wird Deutschland verändern.

Autor: Marko Rösseler
Redaktion: Norbert Hahn

Stand: 30.05.2017, 13:46

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

Sie sind schlauer als Spam-Automaten. Bitte antworten Sie auf folgende Frage:

Wie viel ist 3 mal 3 ?

Warum stellt der WDR diese Fragen?

14 Kommentare

Neuester Kommentar von "Anonym", 07.07.2017, 00:01 Uhr:

Orthograpie Glücksache: arm und reich oder Arm und Reich?

Kommentar von "Jor", 22.06.2017, 07:07 Uhr:

Vielen Dank für die gute Dokumentation. Ich bin jedoch der Meinung, dass nicht die Autobahn die Bewohner in Arm und Reich trennt, sondern der Hellweg, der meines Erachtens im gesamten Ruhrgebiet die reiche Lößböden im Süden von den ärmere Böden im Norden trennt. Der Hellweg trennt nicht nur Arm und Reich sondern bildet auch die Uerdinger Sprachgrenze.

Kommentar von "Sally", 29.12.2016, 20:36 Uhr:

Die Kritik an dem Beitrag ist mir völlig unverständlich. Ein wirklich sehr gut und realistisch. Ich wohnte 3 Jahre in Dortmund. Später dann sah ich eine Endlos-Doku über den Dortmunder Norden. Dort war es der Hbf und die Bahnlinie, die reich und arm trennten. In Hamburg ist es auch der Hbf - er trennt die schicke Einkaufs-City von St. Georg. In meiner Stadt ist es die Mosel. Ich bin schon froh, wieder zuhause zu sein. Das Ruhrgebiet fand ich sehr bedrückend. Schrecklich, was aus DE geworden ist. Ich kann verstehen, dass benachteiligte Menschen verärgert sind, dass für Flüchtlinge plötzlich Geld da war/ist. Und Schäuble gelingt trotzdem, weitere Verschuldung zu vermeiden. Hartz4 war eine politische Entscheidung - sie war finanziell nie wirklich notwendig. Traurig, dass Politiker - insbes. die SPD, deren Mitglieder oft ja selber Aufsteiger erster Generation sind - das zugelassen haben. Es ist Verrat an der eigenen Herkunft. Meine Güte - ein Land ohne Vermögenssteuer. Es wird ...

Kommentar von "HalliGalli", 15.12.2016, 15:48 Uhr:

Der Bericht war sehr interessant, trotzdem verstehe ich einige Grundlegende Dinge nicht: Was haben schlechte Zähne mit Armut zu tun? Was bringt da mehr Geld? Die Zahnpasta hat sich in den letzten 5 Jahren nicht verteuert, der Harz IV Satz ist jedoch angestiegen. Warum ist in "ärmeren" Gegenden Müll und Dreck auf den Straßen zu finden. Auch hier verstehe ich nicht warum das ein Zeichen für Armut sein muss!? Für alle die jetzt aufschreien. Ich habe gezielt diese Aussagen aufgegriffen, weil sie meiner Meinung nach ein falsches Bild vermitteln.

Kommentar von "M. Linten", 15.12.2016, 14:49 Uhr:

„Armut ist kein Grund für geistiges Desinteresse – das lehrte die Nachkriegszeit. Der Argumentations-Fehler dieser Armutsstudien ist, dass das intellektuelle und wissenschaftliche Interesse nicht durch den Besuch klein- und bildungsbürgerlicher Kulturveranstaltungen und durch spießige Lebensgestaltung erzeugt wird, sondern durch freies Spiel und radikale kognitive Anregungen.“ Diese Aspekte blieben im Film weitgehend unerwähnt. Das Zitat stammt übrigens vom ehemaligen Duisburger Arbeiterkind Prof. Dollase. Der ganze Beitrag unter http://www.hss.de/uploads/tx_ddceventsbrowser/2016_AKA_Akademiker_INTERNET.pdf

Kommentar von "Guter Beitrag", 15.12.2016, 13:55 Uhr:

Ich bin Dipl.-Ing. Elektrotechnik und entwickle seit Jahren im Bereich Embedded Systems (Mikrocontroller) und um dieses Fachgebiet herum. Der Bericht zeigte sehr deutlich die Wahrheiten der Gegenwart. Auf der einen Seite die Zuwanderung sozial schwacher Menschen mit schlechter bis gar keiner Schulbildung, auf der anderen Seite die Überdehnung des Begriffs "Fachkräftemangel", der mehr durch die Lobby und Medien übertrieben gebetsmühlenartig heruntergedroschen wird. Wir können froh sein, wenn wir bei immer stärkerer Automatisierung, zukünftig noch mehr durch die "Industrie 4.0" - Projekte unsere eigene heimische Bevölkerung in Lohn und Brot bekommen. Die Politik verkennt die Gefahr dieses sozialen Sprengstoffes vollkommen, wenn sie glaubt, die schrumpfende Bevölkerung einfach durch Zuwanderung ersetzen zu können, um so die sozialen Sicherungssysteme mit Beiträgen absichern zu können. Wenn die Arbeit zukünftig immer höhere Qualifikationen erfordert und für immer weniger Menschen ein J ...

Kommentar von "Glückauf", 15.12.2016, 08:36 Uhr:

Die Sendung war sehr tendenziell. Es hört sich so an, als ob es nördlich der A40 nur Elend und Armut gibt. Die Aussage mit 70 prozentiger Wahrscheinlichkeit, kann man die Bildungschance an der Postleitzahl ablesen, ist doch sehr pauschal. Auch in Bottrop, Oberhausen, Gelsenkirchen usw. gibt es Gymnasien und sogar Hochschulen. Nett war auch das Straßenbild von Werden. Auch dort stehen Ladenlokale leer und ziehen sich Großsortimenter zurück. Aber das wurde nicht gezeigt. Problem sind doch eher die Megaläden auf der "grünen" Wiese. Die Städte überbieten sich ja gerade zu im Aufbau von sogenannten Malls oder Einkaufscentren a la Centro. Die Händler in der Innenstadt kämpfen gegen Internetkonkurrenz, sog. Beratungsdiebstahl und Parkplatznot. Der Kommentar der Vogelheimer SPD Mitglieder war doch sehr bezeichnend. Bestimmte Wahrheiten darf man nicht sagen, denn man wird sofort in eine rechte Ecke gestellt. Gerade das macht mir Sorge. Wir müssen an dem Problem der Migration, der Respektl ...

Kommentar von "Frank", 14.12.2016, 23:31 Uhr:

Auch im Norden gibt es Menschen mit einem besserem Einkommen. Leider ist es einfacheres und interessanter das Negative zu zeigen. Es gibt hier gute Schulen wie z.b. Die Zollverein Grundschule ,Leibnitz Gymnasium,Bischöflichen Schulen. Auf der letztgenannten Schule gehen jede Menge Schüler die eigentlich im Essener Süden wohnen. Ich bin ein Kind des Nordens und würde nie in den Süden ziehen weil mir das Leben hier gefällt. Wenn ich von meinen Kunden im Essener Süden höre "Wie kann man denn im Norden wohnen,da wohnen ja nur asoziale "bekomme ich die Wut.

Kommentar von "Ernst.S", 14.12.2016, 23:31 Uhr:

Der Film zeigt einfühlsam und ohne Polemik die Situation im Ruhrgebiet. Gleichwohl gibt er Hoffnung. Wir sind in der Mitte der Gesellschaft. Die Funktionäre der Wirtschaft sind keine Genossen, sind aber besorgt über den Mangel an Fachkräfte. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken brauchen wir die Solidarität zwischen Wirtschaft, Gewerkschaften und Sozialverbänden. Damit schaffen wir den Kitt der Gesellschaft, besser formuliert die solidarische Soziale Marktwirtschaft. Frag nicht was der Staat für Dich tut, überlege was Du für den Staat hilfreich unternimmst.

Kommentar von "Simon, Jürgen", 14.12.2016, 22:10 Uhr:

Es ist erschreckend, wie plakativ selbst die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten berichten. Man könnte den Eindruck bekommen, dass alle Menschen nördlich der A 40 über keine bzw. nur eine geringe Schulbildung verfügen. Man mag es kaum glauben, aber auch in Altenessen gibt es ein sehr leistungsfähiges Gymnasium, welches meine Frau, drei Kinder und ich selbst erfolgreich besucht haben. Nicht wenige in unserem Umfeld verfügen ebenfalls über die Hochschulreife, einen Hochschulabschluss und einen Beruf. Es ist schade, dass hier ein solches Schubladendenken an den Tag gelegt wird.

1
2