Arbeiten bis zum Umfallen

Bauarbeiter bei Pflasterarbeiten auf dem Bürgersteig.

Arbeiten bis zum Umfallen

Nur etwa 20 von 1000 Bauarbeitern schaffen es, in ihrem Beruf die Rente zu erreichen. Ein Problem vieler Branchen. Auch unser Studiogast Norbert Altenschmidt hat sich "krank" gearbeitet. Darüber sprechen wir mit ihm und dem Arbeitssoziologen Gerhard Bosch.  

Norbert Altenschmidt aus Duisburg (51) hat einst seinen Traumberuf erlernt – Konditor. Als junger Mann hat er unentwegt körperlich gearbeitet: schwere Bleche geschleppt und Teig gerührt. Nach einem Autounfall fiel es ihm immer schwerer. Altenschmidt gab seinen Traumberuf auf, fing als Aushilfe in einem Discounter an und arbeitete sich zum Filialleiter hoch. Auch in der Führungsposition half er mit: packte Paletten und stapelte Waren. Dann kam der erste Bandscheibenvorfall - es folgten fünf weitere. Starken Schmerzen versuchte er durch Medikamente zu ertragen. Nach einer Bandscheiben-Operation gab er schließlich auf.

Vom Konditor zum Kaufmann

Altenschmidt schulte zwei Jahre lang auf Groß-und Außenhandelskaufmann um. Seit drei Jahren hat er mehr als 200 Bewerbungen für eine Tätigkeit als kaufmännische Teilzeitkraft verschickt, bisher ohne Erfolg. Inzwischen lebt er von Hartz IV und wenn sich an seiner Situation nichts ändert, sind Minirente und Altersarmut seine Zukunft. Sein Wunsch: Eine Teilzeitanstellung in einem kaufmännischen Umfeld bis zur Rente.

Diese Berufe machen Sie kaputt

Vom Fließbandarbeiter bis zum Chefarzt - lesen Sie hier, in welchen Berufen die größten Gefahren für Gesundheit und Wohlbefinden lauern.

Handwerker

Handwerker
Tischler, Maurer, Zimmermann - ein Großteil der Handwerker-Berufe verlangen dem Körper heftige Strapazen ab. Von den Knien bis zum Rücken bleibt bei der harten Arbeit auf Dauer kaum ein Knochen oder Gelenk verschont. Wen wundert es da, dass laut Statistikportal „Statista“ über 50 Prozent der Gerüstbauer und Dachdecker eine Erwerbsunfähigkeitsrente kassieren?

Handwerker
Tischler, Maurer, Zimmermann - ein Großteil der Handwerker-Berufe verlangen dem Körper heftige Strapazen ab. Von den Knien bis zum Rücken bleibt bei der harten Arbeit auf Dauer kaum ein Knochen oder Gelenk verschont. Wen wundert es da, dass laut Statistikportal „Statista“ über 50 Prozent der Gerüstbauer und Dachdecker eine Erwerbsunfähigkeitsrente kassieren?

Lehrer
Körperlich lässt sich der Lehrerberuf nicht mit dem Handwerk vergleichen - trotzdem lauern auch hier gesundheitliche Gefahren: Schreiende Kinder und nörgelnde Eltern treiben nach einer Studie des „Aktionsrates Bildung” rund 30 Prozent der Pädagogen im Laufe ihrer beruflichen Laufbahn in Burn-out oder Depression.

Busfahrer
Entspannt ein paar Runden um den Block fahren und ab in den Feierabend? Von wegen! Stundenlanges Sitzen und permanente Fahrzeug-Vibrationen erhöhen das Risiko eines Bandscheibenvorfalls enorm. Der Bund der Versicherten schätzt, dass jeder fünfte Busfahrer seinen Job aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur Rente durchhält.

Friseure
Auch der Friseur-Beruf kann Gift für Ihren Körper sein - im wahrsten Sinn des Wortes: Häufig führt der Umgang mit Blondierer, Haarspray und anderen Chemikalien zu allergischen Reaktionen. In einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf klagten außerdem rund 50 Prozent der befragten Friseure über Rückenschmerzen durch die berufsbedingte Körperhaltung.

Floristen
Der Umgang mit Chemikalien kombiniert mit der täglichen Arbeit in einem feucht-warmen Arbeitsumfeld erhöht das Risiko von Pilzerkrankungen der Haut - hiervon sind neben den Friseuren besonders Floristen betroffen. Rentenversicherer schätzen das Risiko der Berufsunfähigkeit hier auf rund 40 Prozent.

Mediziner
Überstunden, Schichtdienst und enorme Verantwortung können so manchem Mediziner das Berufsleben zur Hölle machen. Nach einer Einschätzung des Ärzteblatts steigert das die Suchtgefahr bei Ärzten und Krankenpflegern. Häufig führe der Druck zu übermäßigem Alkohol- oder Drogen- oder Medikamentenkonsum, heisst es da.

Bäcker
Die tägliche Atemwegs-Belastung mit feinem Mehlstaub kann für Bäcker schnell gefährlich werden. Nach Angaben des Branchendienstes Map-Report ist deutschlandweit rund jeder sechste Bäcker von Asthma oder anderen Atembeschwerden betroffen. Die häufigen Nachtschichten während der Arbeit bringen den menschlichen Bio-Rhythmus durcheinander. 

Raumpfleger
Raumpfleger werden bei vielen Versicherungen ähnlich eingestuft wie die Risikogruppen Dachdecker oder Kraftfahrer. Der Grund: Tägliche Rückenbelastung in Verbindung mit einem feuchten Arbeitsumfeld und dem regelmäßigen Einsatz von Chemikalien.

Fabrik-Arbeiter
Trotz technischen Fortschritts fordert Fabrikarbeit dem Arbeiterkörper noch immer so einiges ab. Neben der psychichen Belastung durch eintönige und ständig wiederkehrende Arbeitsschritte, sind besonders die Ohren gefährdet. Täglicher Maschinenlärm kann im schlimmsten Fall zu starker Schwerhörigkeit und Berufsunfähigkeit führen.

Altenpfleger
Im Pflegeheim wimmelt es nur so vor Gefahren: Infektionskrankheiten, der Umgang mit Chemikalien oder die überdurchschnittliche Rückenbelastung sind nur einige Beispiele. Viele Altenpfleger entwickeln langfristig durch den Einsatz von Schutzhandschuhen eine Latexallergie. Für Versicherungen ein klarer Fall: Altenpfleger gehören zur höchsten Risikogruppe. Im Schnitt erreiche jeder fünfte Altenpfleger nicht die reguläre Rente, sondern müsse vorher die Berufsunfähigkeit beantragen.

Wer nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter durchhält, muss Angst um seine finanzielle Existenz haben. Für viele Menschen heißt das entweder, Arbeiten bis zum Umfallen oder die Rente wird nicht zum Leben reichen. Für viele ist die Zeit nach der Regelarbeitszeit daher eher ein Albtraum, es droht der soziale Abstieg. Manch einer hat sich lange vorher kaputt gearbeitet.

"Der Mensch wird übersehen"

Der Arbeitssoziologe Gerhard Bosch von der Uni Duisburg-Essen sagt, dass diese Menschen bisher bei sämtlichen Rentenreformen übersehen worden seien. Wenn sie es durch Umschulungen schafften, einen anderen Beruf zu erlernen, den sie bis zur Rente ausführen könnten, würden sie nicht eingestellt. Es gäbe keinen Unternehmer, der sie haben wolle, so der Professor für Arbeitssoziologie. Der Druck auf die Arbeitnehmer und die soziale Ungleichheit nähmen zu.

Stand: 16.11.2016, 06:00

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