Angst vor Übergriffen durch Flüchtlinge

Karneval ist Kontrollverlust, aber bitte nur für Deutsche?

Angst vor Übergriffen durch Flüchtlinge

Von Lis Kannenberg

Nach den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht wächst die Sorge vor dem, was im Straßenkarneval passieren könnte: Männliche Flüchtlinge, die das Bützen und freizügige Kostüme als Einladung der Frauen verstehen. Aber ist das wirklich das Problem?

1. Startpunkt

Massenhafte sexuelle Übergriffe wie in der Silvesternacht auch an Weiberfastnacht oder Rosenmontag: Diese Horrorvorstellung war schon Anfang Januar Thema, als die Kölner Polizei und Oberbürgermeisterin Henriette Reker über verstärkte Sicherheit im Karneval sprachen. Seitdem hat sich die Diskussion weiterentwickelt zu der Frage: Müssen wir Angst haben, dass junge Männer aus Flüchtlingsheimen im Straßenkarneval Frauen belästigen?

Im Kreis Wesel wurde ein Rosenmontagszug abgesagt. Dort gibt es im Rheinberger Stadtteil Orsoy eine Flüchtlingsunterkunft und der Orsoyer Karnevalsverein hatte kein Sicherheitskonzept für den Zug vorlegen können. Neben dem Verkehr und möglicherweise randalierenden Zuschauern könnte auch das Zusammentreffen der Narren mit bis zu 500 Flüchtlingen aus der nahen Unterkunft zu "Schwierigkeiten" führen, so die Begründung der Stadt. In Köln, Bonn und Mönchengladbach verbreiten Karnevalisten Flyer mit Verhaltensregeln - auch auf Arabisch, gerichtet an Flüchtlinge. WDR-Reporterin Astrid Houben spricht darüber mit dem Mönchengladbacher Karnevalsverband. Für dessen Spitze ist die Info-Aktion klar eine Reaktion auf die Chaosnacht in Köln.

Keine schlechte Idee, kommentiert unter anderem Bettina Beck auf der Facebook-Seite der Aktuellen Stunde: "Ich find's gut. Aufklärung schadet nie!" Und Ulrike Siebert ergänzt: "Karneval ist für die Zuwanderer eine wirkliche extreme, sicher auch unverständliche Zeit." Das Verteilen von Infozetteln sei "sehr gut, und von unserer Seite als Gastgeber auch respektvoll den Zuwanderern gegenüber".

2. Gibt es den "Karnevalsknigge" auch für Bayern?

Zitattalfel Amir Shafagh

Viel Alkohol, viel nackte Haut, Schunkeln und Bützen: Das gehört im Straßenkarneval dazu, auf jeden Fall in den Hochburgen Köln und Düsseldorf. Dass sich dabei gerade junge Männer nicht im Griff haben, Frauen angrapschen, das ist jedes Jahr so. Und die sind aus Sicht des früheren Bonner Karnevalsprinzen Amir Shafaghi meist Zugereiste - aber aus anderen Teilen Deutschlands oder vielleicht noch aus den Niederlanden.

Und auch die "Einheimischen" könnten Nachhilfe brauchen, findet Michael Podlesny auf der Facebook-Seite der Aktuellen Stunde: "Man kann verteilen, was man will oder an wen man will. Genug Deutsche bräuchten zu Karneval auch einen Knigge - so besoffen, wie die oft sind - und wo überall hingek.... wird." Und er fügt noch hinzu: "Wer sich nicht benehmen kann oder will, der tut es auch nicht und die, die es tun brauchen es nicht." Und was das Grapschen angeht, kommentiert Rebecca Barthel: "Auch Einheimische meinen Karneval ist alles, was nicht bei 3 auf 'nem Baum sitzt, Freiwild."

3. Angst vor "Missverständnissen"

In Bonn gehen diese Session Aufklärungsteams in die Flüchtlingsunterkünfte. Die zentrale Botschaft soll lauten: "Wir feiern Karneval", heißt es von der Stadt. Danach folgt die Ergänzung: "Wir versuchen auch dafür zu sorgen, dass es zu möglichst wenigen Ausschreitungen kommt." Und Weiberfastnacht sollen erstmals sogenannte Kommunikationsteams unterwegs sein: Jeweils ein Polizist, ein Mitarbeiter der Stadt und ein Vermittler mit arabischen Sprach- und Kulturkenntnissen sollen dafür sorgen, dass es zu wenig Zwischenfällen kommt. Aufklären, deeskalieren, aber im Notfall auch schnell eingreifen, so lautet der Plan in Bonn. Vor allem an Weiberfastnacht, wo viel Publikum unterwegs ist, das meint, "die Sau rauslassen zu können", wolle die Polizei rechtzeitig einschreiten, erklärt der leitende Polizeidirektor Helmut Pfau.

4. Wie viel Aufklärung muss sein?

Dass nun plötzlich ein Karnevalsknigge gezielt Flüchtlingen Benimm beibringen soll, das kritisiert die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz (SPD). Im Interview mit WDR-Reporterin Astrid Houben warnte sie davor, Flüchtlinge wie "Höhlenmenschen" zu behandeln. Auf Twitter spielt User "Ben H." den Ball zurück: "... solange es auch einen Verhaltenskodex in 'die andere Richtung' gibt, Frauen nicht als Ware zu behandeln, sinnvoll." Der gebürtige Iraner Shafaghi sieht allerdings Bedarf für kulturelle Vermittlung. Schließlich müssten manche Männer aus muslimisch geprägten Ländern erst lernen, dass das Lächeln einer Frau nicht bedeutet, dass man sie anfassen darf. Und das Einhaken beim Schunkeln sei auch keine Aufforderung, gemeinsam nach Hause zu gehen.

5. Vor dem Bützen höflich nachfragen

Wildes Feiern ohne Hemmungen, das verknüpfen allerdings gleich mehrere Facebook-User mit Karneval: "Karneval und Knigge ist doch irgendwie ein Widerspruch in sich", kommentiert Miriam Peters auf der Seite der Aktuellen Stunde. Und Thomas Zimmermann schreibt: "'Verhaltensregeln zu Karneval' ist ein Oxymoron!"

6. Mitfeiern, aber mit Zurückhaltung

Für den Ex-Prinzen Shafaghi ist Karneval ganz klar keine Einladung zum Kontrollverlust. Dass jetzt mancherorts Hilfslosigkeit herrscht im Umgang mit Flüchtlingen rund um Rosenmontag, wundert ihn nicht. Shafaghi rät zum vorsichtigen Mitfeiern: "Gerade wer frisch in Deutschland ist, muss respektvoll und zurückhaltend sein." Das gehöre sich so für einen Gast. Auf der Facebook-Seite der Aktuellen Stunde findet Sieglinde Brumm diese Ausrichtung für zu eng gefasst: "Das hat aber mit 'Frisch in Deutschland' nichts zu tun. Jeder sollte sich so benehmen, wie er selbst behandelt werden möchte."

Dieser Text ist eine Diskussionsbasis: Wir arbeiten im Laufe des Abends weitere Meinungsäußerungen ein.

Stand: 21.01.2016, 19:07