Anklage gegen Brüterei in Senden

Justiz geht erstmals gegen Kükentötung vor

Anklage gegen Brüterei in Senden

  • Staatsanwaltschaft Münster erhebt Anklage gegen Brüterei in Senden
  • Grund ist die massenhafte Vernichtung von männlichen Eintagesküken
  • Laut "Spiegel" wird erstmals in einem solchen Fall Anklage erhoben

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Münster bestätigte am Samstag (13.02.2016) der dpa einen entsprechenden Bericht des Nachrichtenmagazins "Spiegel". Bundesweit würden rund 50 Millionen männliche Nachkommen von Legehuhnrassen "geschreddert oder vergast", weil die Agrarindustrie keine Verwendung für sie habe. NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel begrüßte die Anklage und äußerte sich über den Kurznachrichtendienst Twitter: "Schreddern und Vergasen von Küken ist nicht zu akzeptieren. Hier werden Tiere wegen Gewinnmaximierung zu Abfallprodukten." Remmel wies darauf hin, dass NRW bereits seit 2013 versuche, die Tötung der Eintagsküken zu verbieten. Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt konterte E-Mail: Grundsätzlich sei er gegen das Töten und prüfe wissenschaftliche Alternativen. Aber: "Ein Verbot ohne Alternative würde die Geflügelhaltung lediglich ins Ausland verlagern. Dort haben wir keinen Einfluss auf Fragen des Tierwohls."

Küken in einem Maststall

Für die Legebetriebe sind nur weibliche Küken interessant

Tierschützer sehen einen historischen Durchbruch

Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation PETA sprach hingegen von einem "historischen Durchbruch". Seine Organisation setzt sich nach eigenen Angaben seit fast zehn Jahren gegen die Tötung männlicher Eintagsküken ein. "Der Betrieb hatte schon vor drei Jahren Probleme mit einer Anzeige. Aber da hat man sie fallen lassen, weil man davon ausging, der Betrieb wusste nicht, dass er eine Straftat begeht. Jetzt drei Jahre später kann er sich aber nicht mehr herausreden", sagte Haferbeck. Vor einem Jahr habe man erneut bei elf Staatsanwaltschaften gegen alle rund 20 Brütereien in Deutschland Strafanzeige erstattet. Gesetzgeber, Behörden und Agrarindustrie hätten jahrelang immer neue Ausflüchte gesucht, kritisierte PETA.

Allein in NRW werden pro Jahr vier Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet. Dabei heißt es im Tierschutzgesetz: "Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet." Minister Remmel hatte schon 2013 die Ordnungsbehörden per Erlass aufgefordert, das zu untersagen. Doch das Verwaltungsgericht Minden hob den Erlass wieder auf, nach einer Klage von elf Brütereien. Nach Ansicht der Richter fehlte die Rechtsgrundlage im Bundestierschutzgesetz. Deshalb will NRW eine Änderung des bundesweiten Gesetzes. Der Bundesrat hat das Vorhaben vor einem halben Jahr unterstützt, doch das Bundeslandwirtschaftsministerium rühre sich nicht, so PETA.

Auf einem Fließband werden frisch geschlüpfte Küken nach Geschlecht sortiert

Auf einem Fließband werden geschlüpfte Küken nach Geschlecht sortiert

Kükentötung wird von Behörden geduldet

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte auf "Spiegel"-Anfrage, man habe Anklage beim Landgericht erhoben und strebe gegebenenfalls eine höchstrichterliche Rechtsprechung an. Denn es handele sich um ein bundesweites Problem. Das massenhafte Küken-Töten sei "der überwiegenden Auffassung zufolge nach dem Tierschutzgesetz verboten". Die Praxis werde aber von Behörden und Landwirtschaftsministerium bisher geduldet. In der Ernährungsindustrie werden laut der PETA vor allem Legehennen und Masthühner gezüchtet. Männliche Tiere seien für die Industrie wertlos, da sie keine Eier legen und auch nicht schnell genug Fleisch ansetzen. Die Brüterei äußerte sich heute auf WDR-Anfrage nicht, der Geschäftsführer sei im Urlaub.

Stand: 13.02.2016, 18:00

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