Zuviel Verkehr, zu wenig Investitionen Marode Brücken im Sanierungsstau

Die derzeit für Lkw gesperrte Rheinbrücke auf der A1 bei Leverkusen ist kein Einzelfall. Viele Brücken in NRW sind marode, können nur eingeschränkt befahren werden. Die Liste ist lang. Der Grund: Jahrelang wurde zu wenig investiert.


Die Leverkusener Brücke soll bis 2025 neu gebaut werden. Der Neubau alleine wird nach Schätzung von Löchter mindestens 100 Millionen Euro, wahrscheinlich eher 200 Millionen Euro kosten. Der Neubau dauert mindestens vier Jahre, zuvor steht noch eine lange Planungs- und Genehmigungsphase an.

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Zwar ist die Leverkusener Brücke derzeit die einzige, die seit Freitag (30.11.2012) für Lkw gesperrt ist, aber Einschränkungen für den Verkehr gibt es auch an anderen Stellen. "Wir haben bei den Brücken in NRW einen Sanierungsbedarf von 3,5 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren", erklärt Bernd Löchter von Straßen.NRW, die für die Autobahnen und Bundesstraßen in NRW zuständig sind.

Bonner Tausendfüßler marode

Nächstes Beispiel: der Bonner Tausendfüßler. Bei ihm mussten auf der A565 und der Dütebrücke auf der A1 die Fahrspuren verlegt werden. Statt sechsspurig sind die Brücken nur noch vierspurig befahrbar und die Fahrstreifen wurden nach innen verlegt. "Wenn die Lkws außen fahren, werden die Brücken viel stärker belastet", sagt Löchter. Wird der Verkehr über die Mitte der Brücke geleitet, werde das Bauwerk ein wenig geschont. "Im Grunde gewinnen wir mit diesen Maßnahmen Zeit, um die nötigen Reparaturarbeiten nach hinten zu verschieben", erklärt Löchter.

Lange Liste maroder Brücken

Straßen.NRW überprüft derzeit auf Autobahnen und Bundesstraßen die Statik der fast 400 Brücken.

Schon jetzt ist klar, dass weitere Brücken ersetzt werden müssen, weil Sanierungen nicht mehr möglich oder unwirtschaftlich sind. Der Bonner Tausendfüßler und die Leverkusener Rheinbrücke reihen sich in eine lange Liste ein. Auf den Hauptrouten in NRW müssten laut Straßen.NRW folgende Brücken nicht nur repariert, sondern am besten ersetzt werden:

  • A1, Rheinbrücke Leverkusen
  • A1, Liedbachtal
  • A1, Dütebrücke
  • A1, Exterheide, Smanforde, Habichtswald, Emsbrücke, Emsumflut
  • A3/A46, Autobahnkreuz Hilden
  • A4/A544, "Überflieger" Autobahnkreuz Aachen
  • A45, Lennetalbrücke
  • A45, Talbrücke Rinsdorf
  • A45, Talbrücke Brunsbecke
  • A57, Dormagen
  • A59, Porz-Wahn
  • A565, Tausendfüßler Bonn

Brücken in die Jahre gekommen


Wie kam es zu diesem Sanierungsstau? Betroffen sind vor allem Brücken, die in den 60er und 70er Jahren gebaut wurden, als das Land mit neuen Straßen durchzogen wurde. "Bei diesen Brücken ist einfach die normale Lebensdauer erreicht", erklärt Professor Hartmut Beckedahl von der Bergischen Universität Wuppertal, Lehrstuhl für Straßenentwurf und Straßenbau. Außerdem seien die Brücken in den vergangenen Jahren viel stärker belastet wurden, als es die Ingenieure seinerzeit berechnet hatten. Die Planer waren von einem deutlich geringeren Verkehrsaufkommen ausgegangen.

Statik nicht für den Ausbau ausgelegt

"Die großen Autobahnbrücken waren auf jeder Seite zweispurig mit einer Standspur geplant", sagt Beckedahl. Im Zuge von Autobahnverbreiterungen wurden aus den Standspuren dann zusätzliche Fahrspuren. "Dazu war die Statik aber nicht ausgelegt", erklärt Beckedahl. Zugleich sei in den vergangenen Jahren der Anteil des Schwerlastverkehrs stetig gestiegen und setze den Autobahnen zu. So habe ein Lkw mit zwei Mal zehn Tonnen Achslast auf der Autobahn die gleiche Zerstörungswirkung wie 60.000 Pkw. Alle diese Probleme seien lange bekannt, nur gehandelt worden sei bislang nicht. Notwendige Investitionen und Planungen für einen Neubau fänden nicht statt.

Gelder vom Bund nicht abgerufen

"Stattdessen wurden unter Johannes Rau sogar Gelder an den Bund zurückgegeben", sagt Beckedahl. Seinerzeit habe die Politik wohl geglaubt, dass es weniger Verkehr gebe, wenn man die Infrastruktur nicht ausbaue. Mit den Vorwürfen konfrontiert, räumt ein Sprecher im NRW-Verkehrsministerium ein: "Es ist vor 15 bis 20 Jahren durchaus vorgekommen, dass NRW Gelder vom Bund unterhalb des Budgets angefordert hat." Allerdings sei der Sanierungsbedarf der Brücken seinerzeit auch ein anderer gewesen als heute.

Politiker streiten über den Schuldigen

Nun streiten sich die Politiker, wer der Schuldige ist. Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) hat einen schnellen Neubau der maroden Leverkusener Rheinbrücke gefordert. Die Verkehrs-Infrastruktur im Westen sei "sträflich vernachlässigt" worden, sagte er am Dienstag im ARD-Morgenmagazin. NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) sagte, der Fall der Leverkusener Rheinbrücke zeige, dass noch mehr für den Erhalt der vorhandenen Strecken getan werden müsse. Der Bund sei hier in der Verantwortung. Die CDU im Landtag warf dem Minister dagegen vor, die eigene Verantwortung auf den Bund abzuschieben. "Der Bund kann erst bauen, wenn es eine Planung gibt", sagte der Abgeordnete Bernhard Schemmer am Montag (03.12.2012). Die Landesregierung müsse dafür sorgen, dass diese vorangetrieben würde.


Stand: 04.12.2012, 15.02 Uhr