Interview mit Islam-Professor "Der Islam ist keine Kriegsansage"

Der Salafist Murat K. wurde heute vom Bonner Landgericht zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der 26-Jährige hatte Polizisten während einer Demonstration mit einem Messer schwer verletzt und seine Tat mit seinem islamischen Glauben gerechtfertigt. Die Aktuelle Stunde hat den Islam-Professor Mouhanad Khorchide um eine Einschätzung dieser Aussage gebeten.


Salafist vor Gericht
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Der angeklagte Salafist Murat K. neben seinem Anwalt

Aktuelle Stunde: Der Angeklagte Murat K. hat seine Tat vor Gericht gestanden und erklärt, seine Religion gebiete es ihm, gegen den deutschen Staat zu kämpfen, weil der Staat das öffentliche Zeigen von Mohammed Karikaturen nicht unterbindet. Ruft der Islam wirklich dazu auf, Andersgläubige zu bekämpfen?

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide: Im Koran gibt es tatsächlich einige Stellen, an denen von gewaltsamen Kämpfen die Rede ist. Diese Stellen sind aber klar in ihrem historischen Kontext zu lesen. Sie handeln von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und den Mekkanern. Das sind keine religiösen Kriege, sondern politische Konflikte, die kriegerisch ausgefochten wurden. Wenn der Koran Gewalt anspricht, dann in diesem Kontext. Die Salafisten reißen die Stellen aus diesem historischen Zusammenhang heraus, extrahieren die Aussage im Sinne von "tötet Ungläubige" und instrumentalisieren sie. Die Extremisten behaupten, es sei ein überzeitliches Gebot, Nicht-Muslime zu jeder Zeit anzugreifen. Das widerspricht allerdings völlig dem Sinn des Korans. Er beinhaltet das ganz klare Gebot, gütig zu sein – auch zu Menschen, die Nicht-Muslime sind. Und er nennt auch ein ganz klares Verbot: Menschen, egal welchen Glaubens, die Muslime nicht angreifen, dürfen auch nicht angegriffen werden.

Aktuelle Stunde: Wie erklären Sie es, dass viele der Salafisten, die durch Gewalttaten auffallen, deutsche Wurzeln haben oder zumindest in Deutschland und damit in einer offenen Gesellschaft aufgewachsen sind?


Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik der Universität Münster, vor einem Bücherregal
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Mouhanad Khorchide ist Professor für Islamische Religionspädagogikprofessoran der Uni Münster

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide: Es gibt Menschen in Deutschland, egal ob zugezogene oder in Deutschland aufgewachsene Muslime, die sich an den Rand gedrängt fühlen. Sie suchen nach einer ihrer Identität und suchen Halt. Im salafistischen Angebot finden Sie etwas, das ihnen eine gewisse Stärke gibt, denn es strukturiert die Welt und teilt sie auf in Schwarz und Weiß, in Gläubige und Ungläubige. Als Ungläubige werden von den Salafisten übrigens auch diejenigen bezeichnet, die anders denken als sie selbst. Diese Einteilung gibt den Menschen, die sich sonst in der Gesellschaft ohnmächtig oder nicht dazugehörig fühlen, eine gewisse Macht und Selbstbewusstsein. Hier wäre die Lösung, dass wir es als gesellschaftliche Aufgabe sehen, diesen Menschen ein Angebot zu machen, das sie wieder integriert.

Aktuelle Stunde: Wie schätzen Sie die Zukunft des Salafismus in Deutschland ein? Ist das eine gerade aktuelle Randerscheinung, die wieder abebben wird – oder werden die Salafisten noch mehr Zulauf bekommen?

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide: Die Beobachtungen zeigen, dass der Salafismus einen immer stärkeren Zulauf bekommt – gerade auch unter Jugendlichen, zum Teil auch unter den Konvertiten. Das Problem ist: Bisher fehlte uns in Deutschland ein Gegenangebot zum Salafismus. Es reicht nicht, zu sagen, der Salafismus ist böse und schlecht. Hier sind auch muslimische Theologen gefordert, ein theologisches Gegenangebot zu schaffen. Wir müssen zeigen: Der Islam ist keine Kriegsansage und der Gott des Islam ist kein Kriegsgott, der daran interessiert ist, seine Macht zu demonstrieren. Er ist vielmehr ein Gott der Barmherzigkeit. Diesen provokanten Titel habe ich auch für mein aktuelles Buch gewählt. Es ist nicht nur für die Menschen gedacht, die den Islam mit Gewalt assoziieren, sondern vor allem auch als Ansage an die Salafisten selbst: Sie mögen den Koran noch einmal mit diesen Augen lesen – und dann werden sie ein ganz anderes Gottesbild sehen als das eines aggressiven Kämpfers.


Stand: 19.10.2012, 18.15 Uhr