Fragen und Antworten zur Psychotherapie: Warten auf den Therapie-Platz
Mehr als 20 Milliarden Euro haben die Krankenkassen derzeit auf der hohen Kante. Trotzdem gibt es Bereiche im Gesundheitssystem, die Finanzierungsprobleme haben. Psychisch Kranke zum Beispiel müssen monatelang auf einen Therapieplatz warten. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Psychotherapie.
Was sind die häufigsten Gründe, einen Therapeuten aufzusuchen?
Die meisten Menschen, die einen Therapeuten aufsuchen, - 76 Prozent - leiden unter Depressionen, Trauer und Lustlosigkeit. Es folgen Angststörungen mit 63 Prozent und psychosomatische Beschwerden mit 54 Prozent. Das geht aus Erhebungen der Psychotherapeutenkammer NRW hervor.
Wie findet man den passenden Therapeuten?
Einen Psychotherapeuten in der Nähe findet sich zum Beispiel über die Internetseiten der Psychotherapeutenkammern. Nach Eingabe der Postleitzahl erhält man eine Liste der Psychotherapeuten im Postbezirk. Ob der Therapeut zum Patienten passt, stellt sich nach ersten Gesprächen heraus. "Es ist wichtig, vertrauen zu können", sagt Monika Konitzer, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen. Denn die folgenden Gespräche können für den Patienten auch peinlich, schmerzlich oder ängstigend sein.
Wie lange wartet man auf ein Erstgespräch?
Kassenpatienten warten in NRW im Schnitt drei Monate, bis der Therapeut zum ersten Gespräch lädt. Allerdings gibt es örtlich starke Unterschiede. Am längsten müssen sich Patienten im Ruhrgebiet gedulden. Laut einer Erhebung der Bundespsychotherapeutenkammer aus dem Jahr 2011 warten die Menschen in Bottrop am längsten, im Schnitt 45 Wochen. In Städten wie Wuppertal, Solingen, Köln, Münster und Bielefeld sind es nur sechs bis acht Wochen.
Warum dauert es so lange?
Es gibt in Deutschland zu wenige niedergelassene Psychotherapeuten - laut Bundespsychotherapeutenkammer fehlen etwa 4.000. Auf dem Papier dagegen existiert eine Überversorgung. Das liegt daran, dass im Jahr 1999 die Praxen damals tätigen Therapeuten erfasst wurden und ihre Anzahl als ausreichend zur vollständigen Versorgung festgelegt wurde. "Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Zulassungsverfahren aller tätigen Psychotherapeuten bearbeitet, sodass nicht alle bestehenden Praxen mit in die Bedarfsrechnung eingingen", sagt Monika Konitzer. Die Zulassung weiterer Therapeuten nach 1999 führte dann statistisch zu einer Versorgung von mehr als 100 Prozent. Der Bedarf muss neu berechnet werden, noch ist unklar, wie das geschehen soll.
Wer hilft Patienten, wenn sie in der Zeit bis zum Termin in einer Notlage sind?
"Erste Anlaufstelle ist in solchen Fällen meist der Hausarzt. Wer dringend Hilfe benötigt, kann sich auch an ein psychiatrisches oder psychosomatisches Krankenhaus wenden", sagt Monika Konitzer, die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen. Helfen könnten aber auch Psychotherapeuten, die nicht zur gesetzlichen Krankenversicherung zugelassen sind. "Diese Psychotherapeuten mit einer privaten Praxis haben meist die gleiche Qualifikation wie die zugelassenen Therapeuten, sie sind entweder 'Psychologische Psychotherapeuten' oder 'Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten'", so Konitzer. Eine solche berufliche Bezeichnung dürfe nur verwenden, wer ausreichend qualifiziert ist, psychische Erkrankungen zu behandeln. Mehr Infos zum Thema gibt es im Patientenratgeber "Kostenerstattung" der Psychotherapeutenkammer NRW.
Was ist, wenn man lange auf einen Termin fürs Erstgespräch gewartet hat und Patient und Therapeut dann nicht zueinanderpassen?
Wenn der Patient nach den ersten Gesprächen den Eindruck hat, dass er zu dem gefundenen Psychotherapeuten kein Vertrauen aufbauen kann, sollte er nach einem anderen Psychotherapeuten suchen. Das rät Monika Konitzer von der Psychotherapeutenkammer NRW.
Wer trägt die Kosten für die Therapie?
"Psychotherapie ist eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung", sagt Konitzer. Das heißt, die gesetzlichen Kassen übernehmen die Kosten für eine Psychotherapie. Der Patient brauche keine Überweisung, er könne sich mit seiner Krankenversicherungskarte direkt an einen Psychotherapeuten wenden. Eine Zuzahlung ist nicht nötig.
Die Leistungen der privaten Krankenversicherungen sind nicht einheitlich geregelt. "Entscheidend ist, was vertraglich vereinbart wurde", sagt Konitzer und weist darauf hin, dass viele private Krankenversicherungen einen Versicherungsschutz für psychisch kranke Menschen ablehnen oder die Leistungen im Fall einer psychischen Erkrankung einschränken.
Wie viele Sitzungen werden erstattet?
Eine Psychotherapie dauert laut Psychotherapeutenkammer NRW durchschnittlich 48 bis 50 Stunden. Über die Hälfte der genehmigten Therapie sind Kurzzeittherapien, teil die Kammer mit. Als maximale Behandlungszeit wurden in der gesetzlichen Krankenversicherung für Kurzzeittherapien 25 Stunden, für Verhaltenstherapien 45 Stunden, für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapien 50 Stunden und für analytische Psychotherapie 160 Stunden festgelegt.
Stand: 19.09.2012, 11.30 Uhr
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