Airbus fast über Köln abgestürzt: FAQ zu Gift in Kabinenluft
Ein Germanwings-Flug ist offenbar nur knapp einer Katastrophe entgangen. Vor der Landung auf dem Flughafen Köln-Bonn im Dezember 2010 verloren die Piloten fast das Bewusstsein. Ursache: giftige Luft im Cockpit. Wir haben die wichtigsten Antworten zum Thema.

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Germanwings selbst nennt den Vorfall "gravierend"
1. Was hat die Beschwerden der Piloten ausgelöst?
Möglicherweise waren es Öldämpfe oder auch Rückstände von Enteisungsflüssigkeit in der Cockpit-Luft. Beide Varianten halten die unterschiedlichen Stellen für möglich. Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, sagte, es müsse Öldampf in die Kabinenluft gelangt sein. Cockpit setze sich seit Jahren dafür ein, dass die Luftversorgung geändert werde.
Aus Sicht von Matthias Gründer, Redakteur für Luftfahrttechnik bei der Zeitschrift Flugrevue, sprechen die winterliche Jahreszeit und der berichtete süßliche Geruch im Cockpit für Enteisungsmittel. Denkbar sei aber auch, dass die Gase direkt vorne bei den Piloten entstanden sind und nicht erst über die Klimaanlage verteilt wurden.
2. Welches Risiko birgt das Abzapfen von Frischluft an den Triebwerken generell?

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Kabinenluft wird am Triebwerk "gezapft"
Die sogenannte Zapfluft wird in dem Bereich der Triebwerke abgesaugt. Dort wird die dünne Außenluft stark komprimiert, damit sie mit Kerosin vermischt für die Verbrennung geeignet ist. Deshalb kann die Luft im Flugzeug Spuren von Kerosin enthalten. Durch mangelhaft abgedichtete Lager im Verdichter können auch Rückstände von Triebwerksölen in die Luft gelangen. Diese enthalten gesundheitsschädliche Stoffe wie das Nervengift Trikresyl-Phosphat (TCP).
3. Was genau ist das aerotoxische Syndrom?
Dieser Begriff definiert seit 1999 gesundheitliche Beschwerden, die auf das Einatmen kontaminierter Kabinenluft in Flugzeugen zurückzuführen sind. Das Problem ist bereits seit Ende der 1950er Jahren bekannt. Öldämpfe können die Schleimhäute reizen, außerdem sind Augenbrennen und Kopfschmerzen mögliche Reaktionen. In einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden folgende Symptome einer Vergiftung mit TCP genannt: Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, mitunter Kribbeln in den Beinen. Solche neurologischen Symptome tauchen laut WHO-Bereicht jedoch meist verzögert auf.
4. Wie häufig gelangen solche Dämpfe in die Kabinenluft?
Das ARD-Fernsehmagazin plusminus untersuchte im Februar 2009 die Kabinenluft auf Flügen mehrerer namhafter Airlines. In 90 Prozent der Proben fanden die Reporter Spuren von TCP. Von der Lufthansa hieß es damals: "Im Regelbetrieb taucht so etwas nicht auf." Im Jahr 2011 wurden bundesweit mehr als 60 solcher Zwischenfälle pro Jahr gemeldet.
5. Was kann ich als Passagier machen, wenn ich mich an Bord plötzlich unwohl fühle?

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Übelkeit nicht verharmlosen
Wichtig ist es, das Kabinenpersonal zu informieren. Sauerstoffmasken können helfen. Die Pilotenvereinigung Cockpit rät auch dazu, sich Zeugen zur Bestätigung eines Vorfalls zu suchen, Namen und Adressen auszutauschen, sowie sich Datum, Uhrzeit, Strecke und Flugnummer zu notieren. Nach der Landung sollte man sofort einen Arzt aufsuchen, da TCP-Rückstände im Körper sehr schnell zerfallen. Die üblichen Fluggastrechte decken eine solche Situation nicht ab, sagt die Verbraucherzentrale NRW. Jeder Passagier müsse das direkt mit der Airline verhandeln.
Allerdings gibt es auch andere Gründe für Übelkeit beim Flug. Eventuell verträgt der Körper den niedrigeren Luftdruck nicht. Er bewirkt, dass das Blut und somit auch das Gehirn weniger mit Sauerstoff gesättigt sind. Wer wegen der trockenen Luft in der Kabine Kopfschmerzen bekommt, sollte ausreichend Wasser trinken.
6. Gibt es keine technischen Lösungen gegen das Risiko belasteter Luft?
Das grundsätzliche Problem: Herkömmliche Filter von Klimaanlagen können Öldämpfe nicht abfangen. Dazu wären Aktivkohle-Filter nötig, sagte Markus Lüer, Sachverständiger für Luftfahrttechnik, im ARD-Morgenmagazin. Es gibt aber auch schon neue Wege, frischen Sauerstoff in die Maschine zu bekommen. Der sogenannte Dreamliner, die Boeing 787, zapft die Luft für die Kabinen am Rumpf des Fliegers ab und nicht mehr am Triebwerk.
7. Warum waren bei dem Germanwings-Flug nur die Piloten betroffen und nicht die Passagiere?
Hier gibt es unterschiedliche Vermutungen: Zunächst gilt, dass die Kabine anders versorgt wird als das Cockpit. Durch die Luftdüsen über den Passagiersitzen strömt Frischluft nach unten, am Kabinenboden wird sie abgesaugt. "Ins Cockpit wird die Luft auf andere Weise gedrückt und zirkuliert nicht so stark", sagt der Technik-Journalist Matthias Gründer.
8. Wie reagieren die Aufsichtsbehörden und die Politik?

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Dämpfe im Flieger: Thema in Bundestag
Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung veröffentlichte nach dem Vorfall in der Germanwings-Maschine auf ihrer Webseite einen Zwischenbericht zu dem Vorfall, der dort als "schwere Störung" eingestuft wird. Ein Germanwings-Sprecher wies den in Medien erhobenen Vorwurf zurück, die Fluggesellschaft habe den Zwischenfall heruntergespielt, um eine Untersuchung zu vermeiden.
Auf die Frage, warum das Ganze erst jetzt mit bald zweijähriger Verspätung herauskomme, sagt Jörg Handwerg, Sprecher der Gewerkschaft Cockpit: "Es ist sicherlich nicht im Interesse der Industrie und nicht im Interesse der deutschen Politik, dass dieser Vorgang überhaupt an die Öffentlichkeit geraten ist."
Allerdings gab es bereits mehrfach Befragungen im Bundestag. Aktuell ist die Anfrage zum Thema "Gefährdung von Passagieren und Flugpersonal durch kontaminierte Kabinenluft im Luftverkehr", die für heute (28.09.2012) auf der Tagesordnung stand. Auf den Weg gebracht hat sie auch der Luftfahrtexperte der Grünen-Fraktion, Markus Tressel: "Das ist eine schwere Gefahr für Leib und Leben der Menschen, die im Flugverkehr beschäftigt sind, aber auch der Passagiere. Und im schlimmsten Fall kann dies zu einem Absturz des Flugzeugs führen."
Aktuelle Informationen zum Thema
- Airbus fast abgestürzt (28.09.2012) [NDR.de]
- Audio: WDR 2 Gespräch mit dem Luftfahrtexperten Tim Van Beveren: Verunreinigte Kabinenluft in Flugzeugen kein Einzelfall (28.09.2012) Tim van Beveren/ Gudrun Höpker, WDR 2 Westzeit
- Audio: In höchster Not sicher gelandet - Beinahe Absturz einer Germanwings-Maschine über Köln (28.09.2012) Jürgen Webermann, WDR 2 Morgenmagazin
Hintergrund und Dokumente
- Zwischenbericht zum Germanwings-Vorfall [Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) ]
- Bundesregierung zu "Gefährdung von Passagieren und Flugpersonal durch kontaminierte Kabinenluft im Luftverkehr" [Antwort auf die Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag (18.06.2012)]
- Nervengift in der Kabinenluft? [Monitor]
Stand: 28.09.2012, 15.19 Uhr
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