Falschmeldungen über Flüchtlinge im Netz

Stopp-Symbol auf einer Webseite

Falschmeldungen über Flüchtlinge im Netz

Von Christof Voigt

Der Ton im Internet gegen Flüchtlinge wird immer rauer. Gehäuft kursieren jetzt auch Falschmeldungen über Straftaten und Übergriffe von Einwanderern und Flüchtlingen, speziell in rechtspopulistischen, rechtsradikalen und rechtsextremistischen Foren.

Anfang Januar kursiert in sozialen Netzwerken das Gerücht in Hamm sei eine Putzfrau von mehreren Flüchtlingen vergewaltigt worden. In der Alfred-Fischer-Halle, einer Notunterkunft für Geflüchtete, soll das passiert sein. Eine Anzeige gab es nie, die Polizei erfährt eher zufällig von dem Gerücht und beginnt zu ermitteln. "Wir haben da Anfragen von lokalen Medien bekommen, an diesem Fall war aber überhaupt nichts dran, wir mussten natürlich erstmal in geringerem Maß ermitteln: Was ist damit? Hat es das gegeben? Aber das hat es nicht im Ansatz gegeben", sagt Ulrich Biermann, Polizeihauptkommissar und Sprecher der Behörde in Hamm. Niemand in der Einrichtung wusste von so einem Fall, auch nicht bei der Stadt oder dem Arbeitgeber des angeblichen Opfers.

Falschmeldungen als Propagandainstrument

Artikel auf der Webseite aus der Dortmunder Neonazi-Szene.

Zu ähnlichen Ergebnissen führten die Ermittlungen der Dortmunder Polizei Anfang September 2015: Eine 17-jährige Schülerin sollte unmittelbar vor einer Flüchtlingsunterkunft in der Nachbarstadt Lünen vergewaltigt worden sein. Das meldete eine Internetseite der Dortmunder Neonazi-Szene. Unter anderem hieß es dort in einem Artikel vom 01.09.2015, dass die Tat passierte: "(…) als sie sich auf dem Rückweg von einer Sommerfeier (…) befanden haben soll und das nahegelegene Asylheim passieren musste. Mindestens fünf Männer sollen das Mädchen demnach bedrängt, geschlagen und zum Oralverkehr gezwungen haben – (…)." Aber die Dortmunder Polizei konnte nie ein Opfer ermitteln, es scheint sich um einen frei erfundenen Fall zu handeln.

Bewusste Wortneuschöpfungen wie "Rapefugee"

Genau wie die sexuellen Belästigungen, die Flüchtlingen seit Ende Januar angelastet werden. Auf der Facebook-Seite einer selbsternannten Dortmunder Bürgerwehr: "Seit einigen Tagen versammeln sich "Flüchtlinge" an den Bushaltestellen der Heinrich Heine Schulen,um dort Schülerinnen abzufangen und sexuell zu belästigen. Meine Tochter wurde auch von einem Rapefugee belästigt und ich werde das nicht ohne Reaktion stehen lassen. (…)."

Falschmeldungen als Propagandainstrument

Ein Minion (beliebte Animationsfigur) in Wehrmachtsuniform mit Hitlerbart und strammem Scheitel als Facebook-Profilbild.

Stand gestern (09.02.2016) hat die Dortmunder Polizei noch von keinem einzigen Fall sexueller Belästigung oder anderer Straftaten Kenntnis, die mit diesem öffentlichen Eintrag gemeint sein könnten. Demnach hat sich auch der Verfasser dieses Eintrags, der schon durch das Verwenden der rassistischen Wortschöpfung "Rapefugee", einer Kombination der englischen Worte "rape" (Vergewaltigung) und "refugees" (Flüchtlinge), tief blicken lässt, nie bei der Polizei gemeldet. Passenderweise verwendet der Facebook-Nutzer dabei als Profilbild einen Minion (eine beliebte Animationsfigur) in Wehrmachtsuniform mit Hitlerbart und strammem Scheitel.

Nachforschungen: schnell als Falschmeldung entlarvt

Detlef von Elsenau ist der Leiter des erwähnten Heinrich-Heine Gymnasiums. Von sexuellen Belästigungen seiner Schüler weiß auch er nichts, "wenn so etwas tatsächlich passiert wäre, wäre hier der Teufel los. Sowohl seitens der Elternschaft, als auch seitens der Schüler. So etwas würde ich sofort mitbekommen. Das zeigt doch nur, dass diese Übergriffe frei erfunden sein müssen." Von Elsenau wundert sich aber nicht über solche Falschmeldungen. Seit sich seine Schule intensiv für Flüchtlinge einsetze, werde er immer wieder mit solchen Gerüchten konfrontiert. Einmal seien Rechtsextreme sogar schon vor der Schule aufgelaufen und hätten Parolen skandiert.

Für die Polizei bedeuteten solche Falschmeldungen zusätzliche Arbeit. "So ein Gerücht ist natürlich sehr schnell in die Welt gesetzt und es kostet Zeit das zu widerlegen. Man muss dann natürlich erstmal fundiert arbeiten. Wenn man es dann widerlegt hat, interessiert es auch schnell nicht mehr, es ist aber in den Köpfen der Leute drin, dieses Gerücht existiert dann eben", sagt Hauptkommissar Biermann von der Hammer Polizei. Und genau das könnte sogar eine bewusste Strategie der rechtsextremen Szene im Internet sein.

Tipp: verschiedene Quellen zur Information zu nutzen

Falschmeldungen als Propagandainstrument

Hoaxmap stellt Nachforschungen an und entlarvt vieles als falsch.

Dr. Christian Nuernbergk vom Institut für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund beobachtet und erforscht den aktuellen Journalismus, insbesondere den im Internet. Er rät Internetnutzern dazu, sich immer über verschiedene Quellen zu informieren, also auch Seiten klassischer Medien zu nutzen, weil dort meistens journalistische Standards eingehalten würden. Menschen, die sich ausschließlich über soziale Netzwerke wie Facebook informieren, würden besonders schnell Gefahr laufen, Falschmeldungen zu glauben, sie zu teilen und so zu verbreiten. Falsche und unseriöse Artikel und Meldungen könne man daran erkennen, "dass Behauptungen nicht hinterlegt sind, dass Quellen nicht angegeben werden, keine weiterführenden Hinweise aufgeführt werden, z.B. durch Links, wo ich mich als Nutzer noch informieren könnte. Das es einfach bloße Behauptungen und Vermutungen sind, die da in die Welt gesetzt werden." Bei solchen Seiten sollte man hellhörig werden und versuchen kritisch zu prüfen, so Nuernbergk.

Das geht zum Beispiel auf der Internet-Seite von "Hoaxmap" sehr gut. Dort werden Gerüchte über Straftaten von Flüchtlingen gesammelt, zurzeit sind es insgesamt 187 Falschmeldungen, die meisten aus Deutschland, einige aus Österreich, die aufgelistet werden. Auch die angeblichen Vergewaltigungen in Hamm und Lünen sind bereits auf der Internet-Seite vermerkt, inklusive der Angabe von weiterführenden Links zu Artikeln, die diese Gerüchte widerlegen.

Stand: 10.02.2016, 16:58