Von Mönchengladbach in den Dschihad

IS-Terrorverdacht gegen zwei Frauen

Von Mönchengladbach in den Dschihad

Von Boris Baumholt, Georg Heil und Katja Riedel

Zwei junge Frauen aus Mönchengladbach sollen sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen haben. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt - und auch die türkischen Behörden sind seit dem Attentat von Suruç auf der Suche nach ihnen.

Türkische und deutsche Behörden gehen davon aus, dass die 20-jährige Valentina S. und ihre gleichaltrige Freundin Merve D., beide aus Mönchengladbach, sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen haben. Seit Monaten ermittelt die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft gegen sie wegen des Verdachts, eine schwere staatsgefährdende Straftat vorzubereiten. Auch türkische Behörden suchen nach ihnen: Seit dem Attentat von Suruç, bei dem 76 Menschen starben, fahndet die Türkei nach IS-Terroristen, die Anschläge vorbereiten sollen.

Valentinas Ehemann kein Selbstmord-Attentäter

Dabei sind neben Valentina und Merve zwei weitere Personen in den Fokus gerückt: deren Ehemänner, die Zwillingsbrüder Ömer und Mahmut D. Ihre Namen und Fotos fanden sich vor Wochen auf einer Fahndungsliste mit insgesamt 21 Verdächtigen. Bis Ende vergangener Woche gingen die türkischen Ermittler davon aus, dass Valentinas Mann Ömer einer der beiden Selbstmord-Attentäter von Ankara gewesen sein soll. Ein DNS-Abgleich hat nach Informationen von WDR und Süddeutscher Zeitung diesen Verdacht entkräftet, Ömer ist demnach am Leben.

Religiös radikalisiert

Zu ihren Familien haben die Ehemänner nach Informationen von SZ und WDR seit etwa einem Jahr keinen Kontakt mehr. Die Studenten sollen sich zwar - wie viele andere junge Männer aus ihrer als konservativ geltenden Heimatstadt Adiyaman – religiös radikalisiert haben. Das Ausmaß will aber niemand bemerkt haben. Nachdem die Zwillinge verschwanden, soll der Vater in Syrien nach ihnen gesucht haben. Davon, dass die Söhne geheiratet haben, soll die Familie nur über Dritte erfahren haben.

Türkei befürchtet weitere Anschläge

Den Verdacht, dass die IS-Zelle unmittelbar Anschläge vorbereitet, halten die türkischen Behörden weiterhin aufrecht - insbesondere mit Blick auf die vorgezogenen Parlamentswahlen am Sonntag (01.11.2015). Sie sei zu diesem Zweck aus Syrien in die Türkei gereist. Seit dem Attentat von Ankara am 10. Oktober, bei dem mehr als 100 Menschen starben und 500 verletzt wurden, scheint es so, als gehe die Regierung entschlossener gegen den IS vor. Am Montag (26.10.2015) wurden bei einer Razzia im Südosten des Landes sieben mutmaßliche IS-Dschihadisten und zwei Polizisten getötet. Laut Regierungssprecher Numan Kurtulmus habe die Polizei in Diyarbakir ein IS-Versteck stürmen wollen.

Heimlich ausgereist

Merve D. und Valentina S. waren Ende 2013 erstmals in die Türkei gereist, um in Syrien IS-Kämpfer zu heiraten. Die Polizei griff sie jedoch auf. Die deutsche Staatsbürgerin Valentina schickte sie umgehend zurück, Merve hingegen, die einen türkischen Pass hat, blieb in der Türkei und heiratete. Es schien zunächst, als versuche Valentina, wieder in ihrer Heimat Fuß zu fassen, doch offenbar nur zum Schein. Im Sommer vergangenen Jahres gelang auch ihr die heimliche Ausreise.

Sind die Mädchen wirklich unauffindbar?

Dass die türkischen Behörden bislang Schwierigkeiten hatten, die mutmaßlichen Terroristen aufzuspüren, lässt sich schwer glauben. Denn sie sind anscheinend alles andere als unauffindbar. Den deutschen Familien jedenfalls waren mehrere Handynummern ihrer Kinder bekannt, zudem die Namen von Verbindungsleuten und sogar eine türkische Adresse, an der Valentina regelmäßig Post abgeholt haben soll. So ist es auch den Whatsapp-Gesprächen mit ihrer Mutter in Mönchengladbach zu entnehmen.

Kein Kontakt zu türkischen Behörden

Auch deutsche Ermittler sind verwundert. "Im Frühsommer haben wir die türkischen Sicherheitsbehörden kontaktiert, nachdem eindeutig bekannt war, dass die beiden Frauen über die Türkei in das IS-Gebiet ausgereist sind. Haben denen mitgeteilt, dass hier ein entsprechendes Verfahren läuft und zunächst keine Antwort bekommen. Fest steht, die türkischen Behörden fahnden in ihrem Zuständigkeitsbereich nach den beiden Frauen, bis jetzt ist noch niemand aus der Türkei an unsere Behörde herangetreten und wollte wissen, welche Erkenntnisse wir über diese beiden Frauen haben", sagte Mönchengladbachs Polizeisprecher Willy Theveßen dem WDR. Man habe auch darum gebeten, die Erkenntnisse zu teilen. Es sei aber "zu keinem direkten Kontakt mit den türkischen Sicherheitsbehörden gekommen".

Nach Ansicht des Anwalts Osman Süzen aus Adiyaman ermutigt die offenbar nicht sehr ernsthafte Fahndung die Terroristen zu weiteren Taten. "Die Gruppe denkt sich: 'wir können einfach unbehelligt ein- und ausreisen und werden nicht bestraft.' Das bekräftigt sie noch mehr", sagte er dem WDR.

Stand: 26.10.2015, 21:24