Zinsklau: Wie Banken ihre Kunden abzocken

Monitor Nr. 656 vom 09.01.2014

Zinsklau: Wie Banken ihre Kunden abzocken

Bericht: Nikolaus Steiner, Olaf Kumpfert

Moderation Georg Restle: „Wenn Sie auf Ihre Kontoauszüge schauen, dann vertrauen Sie wahrscheinlich darauf, dass die Berechnung Ihrer Zinsen immer korrekt sind. Vor allem dann, wenn Sie einen Kredit aufgenommen haben. Wer kommt denn schon auf die Idee, dass deutsche Banken systematisch Zinsen zu hoch ansetzen könnten, falsch berechnen oder Sie ganz einfach abzocken? Wenn Sie den Film von Olaf Kumpfert und Nikolaus Steiner gleich gesehen haben, werden Sie künftig vielleicht etwas genauer hinschauen, was Ihnen Ihre Bank da so alles vorrechnet. Und vielleicht fragen Sie sich dann auch, warum das eigentlich niemand im Land kontrolliert.“

Hans Moser, IT-Spezialist: „Es ist einfach ganz schwierig zu beschreiben, in welcher persönlichen Belastung wir beide, meine Frau und ich, da gewesen sind. Wir hatten auch schon mit dem Steuerberater gesprochen und da war das Wort Insolvenz. Über das hat man schon offen gesprochen.“

Hans Moser hat schwierige Zeiten hinter sich. Der IT-Spezialist hatte eine Firma mit 15 Mitarbeitern und entwickelte Spezialsoftware. Die Herstellung eines Programms zog sich hin. Der Mittelständler landete in den roten Zahlen. Zeitweise hatte Moser fast eine Million Euro Schulden.

Hans Moser, IT-Spezialist: „Wir hatten ja der Bank alles verpfändet, alles, alles. Die Wohnung, die Lebensversicherung, die Pensionsrückstellungen, alles war an die Bank verpfändet.“

Moser war seiner Bank mit Haut und Haaren ausgeliefert. Doch er hatte Glück, das Geschäft lief gut, Moser konnte alle seine Schulden zurückzahlen. Vor zwei Jahren kam ihm dann ein Verdacht. Er ließ seine Kreditkonten von einem Gutachter überprüfen.

Er hat das Gutachten gemacht: Hans Brendel, Zinsexperte und Vorsitzender des Bundesverbandes der Kreditsachverständigen. Wenn die variablen Zinsen fallen, seien die Banken dazu verpflichtet, das an den Kunden weiterzugeben. Doch genau das sei im Fall Moser nicht geschehen, so der Experte.

Ralph Hans Brendel, Kreditsachverständiger: „Wir haben hier eine Grafik über die abgerechneten Zinssätze. Die blaue Linie zeigt den Zinssatz, der vertragsgemäß hätte abgerechnet werden dürfen. Die rote Linie zeigt aber den Zinssatz, der tatsächlich abgerechnet wurde. Und die Differenz, die erhebliche Differenz, das sind zu Unrecht erhobene Zinsen.“

Darüber hinaus fand der Zinsexperte noch weitere Arten von Falschrechnungen. Laut Gutachten hatte Hans Moser insgesamt fast 300.000 Euro zu viel an Zinsen bezahlt.

Hans Moser, IT-Spezialist: „Die Summe die da stand, diese 291.000,- Euro, die uns laut Gutachten in den ganzen zwölf Jahren falsch berechnet und zu viel berechnet worden sind: Wir konnten es nicht glauben.“

Moser zog vor Gericht. In erster Instanz gab ihm das Landgericht in der Sache Recht. Die Bank ist jetzt in Berufung gegangen.

Der Fall Moser, nur ein bedauernswerter Einzelfall? Die Kreditsachverständigen des Bundesverbands stellen jedes Jahr mehr als 200 Gutachten fertig, nach denen Banken falsch gerechnet haben sollen.

Ralph Hans Brendel, Vorsitzender des Bundesverbandes der Kreditsachverständigen und Kontenprüfer e. V.: „Es ist völlig üblich dass es verkehrt gerechnet wird. Wir haben hier aktuelle Fälle, beispielweise aus dem Sparkassenbereich, aus dem Bereich Commerzbank, oder bei der ApoBank, wo es ja schon über 80 Gutachten gibt.“

So sieht es der Sachverständige. Beispiel ApoBank: 82 Gutachten sollen zeigen, dass immer dieselben Rechenfehler auftauchen: falsche Finanzierungsmodelle, falsche Zinsanpassungen, überteuerte Zinskorridore. Das wären rund 5,5 Millionen Euro zu viel berechnete Zinsen. Die Bank wollte sich dazu nicht äußern. Die ApoBank - ein Beispiel, das auch für andere Banken stehe, sagt der Zinsexperte.

Ralph Hans Brendel, Vorsitzender des Bundesverbandes der Kreditsachverständigen und Kontenprüfer e. V.: „Wenn in der Mehrzahl der Kundenakten dieselben Fehler sind, dann ist das kein Zufall mehr, dann ist es System.“

Edda Castelló, Verbraucherzentrale Hamburg: „Wir haben zahlreiche Fälle: unzulässig berechnete Vorfälligkeitsentschädigungen, falsche Zinsanpassung bei variablen Krediten, Gebühren für Kredite die eigentlich nicht genommen werden dürfen, das alles hat natürlich System und das sind nicht Einzelfälle, die hier vorkommen.“

Mehr als 1.000 Kreditgutachten legen nahe, dass zahlreiche Kunden verschiedener Banken betroffen sind, die Kredite in Anspruch nehmen: Studenten, Arbeitnehmer, Häuslebauer, Handwerker und Mittelständler.

Ralph Hans Brendel, Vorsitzender des Bundesverbandes der Kreditsachverständigen und Kontenprüfer e. V.: „Wir haben unsere Gutachten analysiert und diese hochgerechnet. Das Ergebnis ist natürlich eine grobe Schätzung und da liegen wir bei 15 Milliarden, die die Banken pro Jahr die Kunden unberechtigt belasten.“

Ein gewaltiger Vorwurf. Sparkassen, Commerzbank und die Deutsche Kreditwirtschaft widersprechen: Es gebe keine systematische Falschberechnung zum Nachteil der Kunden. Beschwerden seien nur in einzelnen Fällen bekannt. Franziska Weber ist so ein angeblicher Einzelfall. Die Physiotherapeutin brauchte mehrere Darlehen, um ihre Praxis am Leben zu erhalten. Auch sie ließ ihre Konten später prüfen. Auch bei ihr stellten die Gutachter falsche Zinsberechnungen fest.

Franziska Weber: „Laut Gutachten hat die ApoBank 77.000 Euro zu viel an Zinsen errechnet. Ich persönlich finde das eine große Unverschämtheit seitens der ApoBank.“

Wieder dasselbe Spiel. Frau Weber ging vor Gericht und bekam Recht. Allerdings erhielt sie nur etwas mehr als die Hälfte der geforderten Summe - der Rest sei verjährt. Die ApoBank wollte sich zu dem Fall nicht äußern. Wie aber sind solche Falschrechnungen wie bei Frau Weber überhaupt möglich? Verantwortlich für die Bankenaufsicht ist die BaFin. Laut Kreditwesengesetz ist sie auch zuständig für die

Zitat: „ordungsmäßige Durchführung der Bankgeschäfte“

und für die

Zitat: „Sicherheit der den Instituten anvertrauten Vermögenswerte“.

Doch erfüllt die BaFin diesen Teil ihrer Aufgabe? Udo Reifner ist Mitglied im Verbraucherbeirat der BaFin. Seit Jahren kritisiert er, dass die Bankenaufsicht die Kunden im Stich lasse.

Prof. Udo Reifner, Institut für Finanzdienstleistungen e. V.: „Die BaFin sagt, wir sind für Verbraucherschutz zuständig, aber wir haben unsere eigene Auffassung, was Verbraucherschutz ist. So, und das ist nun mal kein Verbraucherschutz.“

Edda Castelló, Verbraucherzentrale Hamburg: „Wir meinen, dass die Aufsicht ihre gesetzlichen Aufgaben nur zur Hälfte erfüllt. Insofern, dass sie die Banken schützt, aber nicht die Verbraucher.“

Schwere Vorwürfe gegen die Bankenaufsicht. Ein Interview will man uns nicht geben. Schriftlich weist die BaFin die Vorwürfe zurück. Zu Kundenbeschwerden über falsche Zinsberechnungen erklärt sie:

Zitat: „Dies lässt keinen Rückschluss auf ein systematisches Fehlverhalten einzelner Institute bzw. des Kreditgewerbes insgesamt zum Nachteil einer Vielzahl von Kunden zu.“

Merkwürdig. Dabei geht aus einer Anfrage der Grünen hervor, dass bei der BaFin in den letzten Jahren insgesamt mehr als 800 Beschwerden wegen falscher Zinsrechnungen eingegangen waren. Eigentlich genug Anlass, die Geldhäuser zu prüfen, ob systematisch falsch gerechnet wird. Betroffene Bankkunden wie Hans Moser fordern, dass der Staat nun endlich tätig wird.

Hans Moser: „Und dass sich die Aufsichtsbehörde auch mal im Klaren sein muss, dass sie nicht nur im Großen, wo es um große Transaktionen geht zwischen den Banken, wenn man mal genauer hinguckt, sondern dass sie auch wirklich tief runter muss, auf die Einzelfälle runter muss. Weil dort wird das große Geld gemacht.“

Moderation Georg Restle: „Also, trauen Sie Ihrer Bank nie blind!“

An dieser Stelle wollen wir uns für die zahlreichen Zuschriften und Kommentare im MONITOR-Forum sowie auf Facebook bedanken. Wir können allerdings nicht jede Anfrage nach Überprüfung von Verträgen einzeln beantworten, Zinsvereinbarungen prüfen oder zu individuellen Vorgehensweisen raten. Bitte wenden Sie sich an die Verbraucherzentralen (Link siehe unten)

Stand: 09.01.2014, 18:00

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1 Kommentar

Neuester Kommentar von "Heiner B.", 14.02.2017, 20:04 Uhr:

Ich hatte letztes Jahr über die Webseite (Link entfeent, Die Redaktion) einen Kredit der Targobank beantragt. Dieser wurde mir ausgezahlt und ich zahle pünktlich meine Kreditraten an die Targobank ab. Ich bin der Auffassung, dass meine Bonität nicht im Verhältnis zum vereinbarten Zinssatz steht. Ich und meine Frau vermuten hier eine falsche Zinsberechnung! Nun ist meine Frage, was kann man da machen, um Licht ins Dunkel zu bringen? Ich würde auch gerne wissen, was die Targobank da alles mit in den effektiven Kreditzins einrechnet? Kann ich mich da nur an die Verbraucherzentrale wenden oder gibt es da noch eine andere Option? Respektvolle Grüße aus Hannover