Soziale Gerechtigkeit: Wie Armut krank macht

MONITOR vom 14.09.2017

Soziale Gerechtigkeit: Wie Armut krank macht

Bericht: Shafagh Laghai, Ralph Hötte

Georg Restle: „Zehn Tage sind es noch bis zur Bundestagswahl. Und hört man der Kanzlerin und ihrem Herausforderer zu, könnte man nach der Wahl gerade so weitermachen wie bisher. Beide sind sich schließlich einig darin, dass es diesem Land so blendend geht wie nie zuvor.“

Angela Merkel (CDU): „Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie im Augenblick.“

Martin Schulz (SPD): „Wir halten die Gesellschaft in Deutschland zusammen, darauf sind wir stolz. Deutschland geht es gut, wenn die SPD regiert.“

Georg Restle: „Alles gut also? Kommt drauf an, wo man hinschaut. Klar, die offizielle Arbeitslosigkeit ist deutlich gesunken, die Zahl der Jobs liegt auf Rekordniveau. Aber zur ganzen Wahrheit gehört eben auch, dass jeder zweite neue Job nur noch befristet ist, dass die Kluft zwischen Arm und Reich selten größer war, und dass in keinem anderen europäischen Land die Zahl derjenigen, die von ihrem Einkommen nicht mehr leben können, so rasant gestiegen ist wie in Deutschland. All das lässt sich in Essen besichtigen, wo Arm und Reich ganz nah beisammen leben - und doch so weit auseinander sind. Shafagh Laghai hat eine Ärztin besucht, die die Spaltung dieser Gesellschaft täglich aufs Neue erlebt.“

Borbeck. Ein Stadtteil im Norden von Essen. Hier ist Deutschland sehr weit unten. Fast jedes zweite Kind lebt von Hartz IV. Seit Jahren verspricht die Politik Besserung. Doch passiert ist so gut wie nichts. Im Gegenteil, es ist sogar noch schlimmer geworden, sagen die Bewohner. Vor allem bei der Gesundheitsversorgung.

Frau: „Hier in Borbeck hat sich vieles verändert. Hier sind viele Ärzte weggegangen, die alle Richtung Rüttenscheid runterziehen zum Beispiel. Wir kriegen hier ganz schlecht Termine, wir haben kaum Fachärzte hier in der Gegend, die alle weggehen.“

Sie ist geblieben. Shabnam Fahimi-Weber ist Hals-Nasen-Ohren-Ärztin und hat seit knapp acht Jahren eine Praxis im Essener Norden.

Shabnam Fahimi-Weber, HNO Ärztin: „Als ich hier meine erste Praxis übernommen habe, hier in diesem Stadtteil, waren wir viele Fachärzte. Urologen, Augenärzte, Orthopäden, und die meisten sind hier weggegangen.“

Auch deshalb ist ihre Gemeinschaftspraxis immer voll. 200 Patienten behandeln sie und ihre vier Kollegen - pro Tag. Zu ihr kommen viele Eltern mit Kindern, die eine Erkältung haben. Häufig brauchen sie nur Nasentropfen oder Schleimlöser. Da kommen schnell mal 15,- Euro zusammen. Es sei hart mitanzusehen, dass sich viele ihrer Patienten das nicht leisten können, sagt sie.

Shabnam Fahimi-Weber, HNO Ärztin: „Häufig haben wir auch die Situation, dass sie sagen, ja  also, das ist ganz schön viel, ich muss ganz schön viel zahlen, können Sie mir nicht direkt einfach ein Antibiotikum aufschreiben.“

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt: Kinder aus sozial schwachen Familien haben dreimal häufiger gesundheitliche Störungen. Arm sein oder reich - auch für die Gesundheit von Erwachsenen entscheidend. Frau Lewandowski hat seit zwei Jahren ein Hörgerät, und Probleme damit. Sie hört alle Nebengeräusche, alle Stimmen, jedes Auto - alles immer gleich laut. Sie habe oft Kopfschmerzen.

Patientin: „Das rauscht dann immer so.“

Shabnam Fahimi-Weber, HNO Ärztin: „Sie hat ein Kassengerät, das ist ein normales Standardgerät, wenn man will. Und da gibt es wirklich ganz viele Unterschiede. Es gibt Geräte, die Nebengeräusche etwas reduzieren. Und diese Geräte, die Kassengeräte, die können das nicht so gut wie die teuren Geräte. Es gibt bei Kassengeräten, da zahlen die Kassenpatienten um die 200,- Euro drauf. Und bei den besseren Geräten kann es bis zu 3.000,-, 4.000,- bis 5.000,- Euro Zuzahlung erforderlich sein.“

Reporter: „Wäre das für sie drin?“

Patientin: „Nein, das wäre bei mir nicht drinne. Kann ich mir gar nicht so leisten. Wo die so alle so schön sind, so klein sind und alles. Aber das, nein.“

Deutschland hat eine hervorragende medizinische Versorgung, sagt Fahimi-Weber. Doch wer wenig zum Leben hat, hat auch wenig vom medizinischen Fortschritt. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts werden Frauen, die über der Armutsgrenze leben, im Schnitt 85 Jahre alt. Frauen unter der Armutsgrenze sterben etwa 8 Jahre früher. Männer sterben mehr als 10 Jahre früher, wenn sie unter der Armutsgrenze leben. Wer arm ist, stirbt früher. Die Menschen hinter solchen Statistiken, die leben zum Beispiel hier, im Norden von Essen. Hier wohnen die sozial schwächeren. Und die sind fast nie privat versichert. Deshalb ziehen viele Ärzte weg. Fahimi-Weber weiß auch wohin. Denn sie pendelt zwischen den Welten. Sie arbeitet im armen Norden und auch hier: im reichen Essener Süden. Drüben der Verfall - hier das Geld. Und die Fachärzte. Die Patienten hier haben meist ganz andere Bedürfnisse. Ganzheitliche Medizin oder Naturheilkunde. Hier spielen 15,- Euro Zuzahlung keine Rolle.

Renate Luce: „Wer hier nicht gesund wird, da weiß ich nicht. Sie können also auch innerhalb eines Quartals die Fachärzte der gleichen Fakultät wechseln. Ist auch überhaupt kein Problem. Wenn Sie mit der einen Ärztin nicht zufrieden sind, gehen Sie auf die andere Straßenseite, da ist auch ein Facharzt, da holen Sie sich eine Zweitmeinung. Also hier ist die ärztliche Versorgung wirklich im Essener Süden sehr, sehr gut.“

Medizinische Versorgung ist auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. In Essen ist davon wenig zu sehen, sagt Fahimi-Weber.

Shabnam Fahimi-Weber, HNO Ärztin: „Ich glaube, dass in den letzten Jahren ist diese Trennung größer geworden. Ich habe Kinder aus Stadtteilen, wo sie wirklich in sehr, sehr guten, sehr behüteten Verhältnissen aufwachsen. Ich habe Familien, die aus zwei Personen bestehen, die sehr, sehr gut leben, mehrere Reisen im Jahr machen. Und ich habe Kinder, Familien, die die letzten zehn Jahren nirgends waren. Also ich sehe sie alle.“

„Ein Deutschland in dem wir gut und gerne leben“, wirbt die Kanzlerin. Fahimi-Weber sieht ein Deutschland, in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Aber selbst wenn sie im Essener Süden mehr verdient, ihre Praxis im Norden wollen sie und ihre Kollegen nicht aufgeben.

Korrektur:

Leider ist uns in der Live-Moderation der Sendung ein kleiner aber bedeutender Fehler unterlaufen: Richtig muss es heißen:  „dass jeder zweite neue Job nur noch befristet ist“, so wie es im Manuskript auch steht.

Stand: 12.09.2017, 14:34

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5 Kommentare

Neuester Kommentar von "Katja H.", 15.09.2017, 12:51 Uhr:

Auch wenn Monitor, was das Gesundheitssystem angeht, nicht neutral recherchiert, kommt in diesen Bericht wenigstens ansatzweise zur Geltung, dass die Leistungen der GKV nicht ausreichend und auf dem Stand von 1988 sind. Immer mehr Praxen können die steigenden laufenden Kosten- auch aufgrund der Digitalisierung- von dem Kassenbudget nicht mehr bezahlen. Außerdem wird unsere Leistung ja nicht nur durch das Budget reglementiert, sondern auch noch durch Fallpauschalen, die wir nicht überschreiten dürfen- sonst wird uns die Leistung ( also erbrachte Arbeit) einfach abgezogen. Eine Zahnarztpraxis( 1 Behandler) kostet zwischen 25-30.000€ mtl., - das Kassenbudget beträgt ca. 13.000€ mtl. Wir sind jetzt gezwungen all unsere Leistungen die die GKV nicht zahlt, in Rechnung zu stellen und können nichts mehr auf Kulanz machen. Dies ist auch ein Grund warum so viele "deutsche" Ärzte ins Ausland gehen- und das schlechte Image ,dass wir seit Jahren durch die Presse bekommen....

Kommentar von "Korax", 14.09.2017, 23:16 Uhr:

In Ihrem Beitrag »Soziale Gerechtigkeit: Wie Armut krank macht« ist die Rede von »sozial Schwachen«. Personen mit geringem Einkommen und fehlendem Vermögen so zu nennen ist herabsetzend, diskriminierend und falsch – wenngleich als vermeintlich schonender Hüllwort­gebrauch weitverbreitet. So zu sprechen zeugt von fehlendem Sprachgefühl oder zumindest von Unbedachtheit. Allerdings gibt es natürlich e c h t e sozial Schwache, zum Beispiel die Mitglieder der Vorstände mancher Automobil­konzerne, die jahrelang ihre Kunden und die Behörden mit ihren manipulierten Dieselautos betrogen haben.

Kommentar von "Sybille Dohm", 14.09.2017, 22:35 Uhr:

@B. Lehr: Anhand Ihres Kommentars merkt man mehr als deutlich, dass Sie einer dieser typischen - nämlich überheblichen und ignoranten - Südstaatler sind (Ausnahmen bestätigen die Regel). Glauben Sie denn allen Ernstes, die sozial schwachen Einwohner des Essener Nordens können sich alle ein Fahrrad leisten? Es steht Ihnen natürlich frei, allen diesen Menschen je ein Fahrrad zu spendieren! Und wo, bitte schön, ist das Problem, Fachärzte gleichmäßig auf das gesamte Stadtgebiet zu verteilen? Da Sie ja sicherlich über ein Auto verfügen, könnten Sie durchaus zu Ihrem Wunscharzt in den Essener Norden zu fahren!

Kommentar von "B. Lehr", 14.09.2017, 22:15 Uhr:

Wo ist das Problem, dass jemand von Essen Nord nach Essen Süd fährt um zum Facharzt zu gehen? An der Ärztin sieht man ja, dass die Strecke mit dem Fahrrad zu absolvieren ist. Wenn ich ein bestimmten Facharzt haben will, dann muss ich auch von Starnberg nach München fahren, ist das jetzt ein Zeichen dafür, dass Starnberg arm ist?

Kommentar von "Wilfried Matthies", 14.09.2017, 22:01 Uhr:

Lesen Sie mal im Focus nach, in welchen Restaurants Mitarbeiter von ARD und ZDF anzutreffen sind. Da gibt es in fast jedem Heft ein Beispiel. Wie sollen die Zuschauer den Leuten glauben, die für ein Essen ganz nebenbei 70 € abdrücken, wenn sie über soziale Ungerechtigkeit und Flüchtlingselend sprechen.