Leben in Angst: Kettenduldungen in Deutschland

MONITOR vom 27.07.2017

Leben in Angst: Kettenduldungen in Deutschland

Bericht: Gitti Müller, Kim Otto

Georg Restle: „Ja, sich zu entscheiden für einen deutschen Pass, für die deutsche Staatsangehörigkeit. Es gibt Zehntausende in diesem Land, die das gerne würden - aber nicht können. Menschen, die keinerlei Bürgerrechte haben, geschweige denn wählen dürfen. Obwohl einige von ihnen hier geboren sind und schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Rund 160.000 Menschen leben in Deutschland mit einer sogenannten Duldung. Was das ganz konkret heißen kann, zeigen Ihnen jetzt Gitti Müller und Kim Otto.“

Wer zu Hasibe Acar in die Apotheke kommt, ahnt nicht, welche Geschichte diese junge Frau hat. Sie ist zwar hier geboren und zur Schule gegangen, und doch nur eine Geduldete in diesem Land. Ohne deutschen Pass, ohne Aufenthaltsgenehmigung. Und das nur, weil die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern unklar ist.

Hasibe: „Ja, jedes Mal muss ich mir halt freigeben lassen, damit ich zur Ausländerbehörde gehen kann, und alle drei Monate verlängern. Und die könnten im Prinzip auch von der Ausländerbehörde jetzt auf einmal sagen, ne, wir verlängern nicht mehr.“

Und keine Verlängerung bedeutet Abschiebung. Hasibe hatte Glück, dass ihre Chefin sie überhaupt einstellte.

Cara Monnika Hääl, Apothekerin: „Genau das ist ja der Punkt, dass viele heute sagen, ich kann ja jemanden gar nicht einstellen, wenn ich nicht weiß, ob der geht. Nur, wie gesagt für uns ist Hasibe ein Teil unserer Mannschaft, unseres Team, unseres Lebens.“

Aber Hasibes Leben ist ein komplett anderes. Wenn die Kollegen etwa vom Urlaub erzählen, kann sie nicht mitreden. Als Geduldete darf sie noch nicht mal Nordrhein-Westfalen verlassen.

Hasibe: „Ich würde gern mal nach Italien gehen oder mal Spanien sehen oder … einfach egal, eigentlich ist es egal, wohin. Ich möchte mal die Welt sehen. Ich möchte mal sehen, wie es woanders aussieht, und wie die Leute da sind. Und die anderen Sprachen und … würde ich dann gerne mal erleben.“

Kollegin: „ich sage, da kriegt man Tränen in den Augen, wenn man das hört. Dass sie eigentlich nie frei leben konnten und sich ausleben konnten, ne?

Reporterin: „Wie finden Sie das?“

Kollegin: „Ich finde das ganz grausam … Ich finde das ganz grausam.“

Nicht dazugehören. Das kennt Hasibe schon seit der Schulzeit. Keine Klassenfahrten ins Ausland. Nicht einmal ein Schülerticket konnte sie kaufen, weil ihre Duldung immer nur drei Monate gültig war. Immer wieder ausgegrenzt - bis heute. Keine Bürgerrechte, kein Wahlrecht, keine Mitsprache. Und immer begleitet von der ständigen Angst, abgeschoben zu werden. Erst letzte Woche wurde diese Angst plötzlich wieder sehr real.

Reporterin: „Was ist mit dem Schloss passiert, Hasibe?“

Hasibe: „Dieses Schloss wurde von der Polizei aufgebrochen in der Nacht, als sie meine Mutter abholen wollten, mitnehmen wollten. Wir waren alle am Schlafen, das war ein totaler Schock für uns.“

Dienstag vergangene Woche, 4:00 Uhr nachts: bewaffnete Polizeibeamte dringen in die Wohnung der Acars ein. Sie wollen die 67-jährige Mutter Besire in Abschiebehaft nehmen. Die Abschiebung scheitert nur, weil die Mutter auf einer Hochzeit ist, so die Familie. Als Hasibes Mutter am Tag nach dem Polizeieinsatz erfährt, was passiert ist, bricht sie zusammen. Der Hausarzt ruft einen Krankenwagen und lässt sie als Notfall einweisen. Doch warum diese Abschiebung jetzt? Die Ausländerbehörde teilt uns mit, dass die Mutter jahrelang nicht mitgeholfen habe, ihre Herkunft zu klären. Nachdem sie auf Druck der Behörden türkische Dokumente vorgelegt habe, sei die Abschiebung unausweichlich. Weil sie hier in Deutschland nicht verwurzelt sei. Hasibe und ihre Schwestern können das nicht glauben. Videos von Familienfesten. Die Mutter mit ihren Enkelkindern zu Hause in Essen. Sie lebt seit fast 30 Jahren in Deutschland. Ihre zehn Kinder hat sie alleine groß gezogen, weil ihr Mann früh an Krebs gestorben ist. Nebenbei hat sie noch gearbeitet. Jeden Sonntag trifft sich die Familie. Dieses Mal ohne die Mutter. Die Stimmung ist gedrückt. Einige haben Angst, dass ihnen irgendwann das Gleiche drohen könnte, wie ihrer Mutter. Und das obwohl fast alle zehn Kinder eine Arbeitsstelle haben. Als Erzieherin, Verkäuferin, Zahnarzthelferin und städtischer Busfahrer. Vier sind sogar in Deutschland geboren, trotzdem haben sie nur eine Duldung.

Bruder von Hasibe: „Ich wollte eine Ausbildung als Karosseriebauer damals machen, keine Chance, also ging nicht.“

Reporterin: „Warum?“

Bruder von Hasibe: „Der Ausbilder meinte, du kannst ja jederzeit abgeschoben werden. Die Ausbildung dauert dreieinhalb Jahre, vier Jahre. Und der meinte, du kannst ja jederzeit abgeschoben werden. Du musst jede drei Monate deinen Ausweis verlängern. ich kann dir keinen Ausbildungsplatz anbieten.“

Nur geduldet, weil die Mutter auch nur eine Duldung hat. Die Kinder fühlen sich in Sippenhaft genommen. Am nächsten Tag: Hasibe und ihre Schwestern suchen eine Beratungsstelle auf. Sie haben Angst, die Polizei könne die Mutter aus dem Krankenhaus holen und abschieben.

Samir Omeirat, Rechtsanwalt: „Was ist jetzt der Grund, warum deine Mutter abgeschoben werden soll?“

Hasibe: „Also das letzte Schreiben, was ich gelesen habe, stand drauf, dass meine Mutter sei nicht verwurzelt. Meine Mutter ist integriert, meine Mutter ist verwurzelt, alle meine Geschwister, wir leben hier alle.“

Schwester von Hasibe: „ich meine, nach 30 Jahren hier in Deutschland - wir sind hier alle aufgewachsen - kommt dann so was. Zehn Kinder alleine aufgezogen, mein Papa war 39, 40 war der, wo der gestorben ist.“

Samir Omeirat, Rechtsanwalt: „Man muss ja auch bedenken diese Person ist 67. Das heißt also diese Person wird ohne Familie, ohne ihre zehn Kinder wird sie ihr Dasein in der Türkei fristen müssen. Das heißt also, sie muss quasi ein völlig neues Leben mit 67 anfangen und die Familie wird dann mehr oder minder von ihrer Mutter getrennt. Wo da das Ausweisungsinteresse seitens der Ausländerbehörde besteht, ist mir völlig schleierhaft.“

Zumal die Kinder schriftlich erklärt haben, dass sie für ihre Mutter aufkommen wollen. Eigentlich hatte Hasibe sich Hoffnung gemacht auf einen deutschen Pass. Aber die gescheiterte Abschiebung ihrer Mutter hat sie misstrauisch gemacht gegenüber den Behörden. Dabei träumt sie von einer Reise ins Ausland. Und auch an den Wahlen würde sie gern teilnehmen. Doch einen deutschen Pass könnte sie frühestens in acht Jahren bekommen.

Hasibe: „Im Prinzip bin ich ausgeschlossen, ich gehöre im Prinzip nicht dazu. Obwohl ich halt hier geboren bin und eigentlich eine Deutsche bin.“

Eigentlich eine Deutsche. Und doch nicht akzeptiert als Deutsche. Ein Leben im Graubereich des deutschen Ausländerrechts. Und das seit 23 Jahren.

Cara Monnika Hääl, Apothekerin: „Es geht grundsätzlich einfach nur um die Anerkennung. Anerkennung des Menschen, der hier bei uns all das tut, was alle anderen Deutschen auch tun. Wo ist da das Problem?“

Georg Restle: „Ist es aber. Weil die Frage, wer hier Deutscher und wer Ausländer ist, eben gar nicht so einfach beantwortet werden kann.“

Stand: 25.07.2017, 14:16

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5 Kommentare

Neuester Kommentar von "Miriam S", 18.08.2017, 10:36 Uhr:

mein herzliche Anteilnahme allen durch das gestrige grausige Attentat Betroffenen Die Äußerungen der Politiker dazu lassen an Heuchelei nichts übertreffen : bei der letzten Pressekonferenz der BK benutzte sie noch das Argument des Erhalts der Arbeitsplätze in der Waffenproduktion, heute ??? es sind die bösen vom IS,der diese Waffen von ihr geliefert bekommt, denn sie hat die Verantwortung für die Genehmigung des Exportes , auch nach Saudi-Arabien, das den IS laufend beliefert...auch die Kriege, in die die EU ihre Militärs schickt, sind Ursachen die endlich gestoppt werden müssen um keine weiteren Argumente und Anreize für solche Attentate geben asymmetrische Kriege , Kriege generell bringen nur neuen Terror !

Kommentar von "Dorena", 16.08.2017, 22:20 Uhr:

Der Bericht hat mich erschreckt. Ist das wirklich vom Gesetz gedeckt, dass die Polizei morgens 4.00Uhr eindringt in eine Wohnung , ohne vorher zu klingeln , um jemanden in Abschiebehaft zu nehmen ? Ich bin ja einverstanden, dass alle Bürger die Gesetze befolgen müssen, aber muss man da so menschenunwürdig auftreten als Polizei ?

Kommentar von "Anonym", 28.07.2017, 19:43 Uhr:

Ich bin Lehrer in Münster und habe jahrelang afghanische Mitbürger mit der sogannten Dreimonatsduldung unterrichtet. Immer wieder mussten Duldungsformulare und Dokumente gebracht werden. Die Kinder sind hier gebohren. Von den Eltern gibt es keine Dokumente mehr, die sind im Konflikt in der Heimat schlichtweg verbrannt. Trotzdem gelang es den Kindern, Qualifikationen für die Oberstufe zu erwerben. Es folgte, wie bei Ihnen beschrieben, die versuchte Abschiebung der Eltern. Ich erfuhr nach langer zehnwöchiger Krankheit, was passiert war: Vater in einen anderen Staat, Mutter weiterhin Duldung, Zukunft der Kinder ruiniert. Sie können sich denken, wie die älteren Kinder sich jetzt finanziell über Wasser halten, mir wird es richtig schlecht....Nicht zum ersten Mal stehe ich vor Menschen, deren Existenz auf so einen Weg regelrecht vernichtet wird.

Kommentar von "abcd", 28.07.2017, 12:56 Uhr:

mich interessiert , warum jemand unbedingt deutsche Verhältnisse mitbestimmen möchte....die Mehrzahl der Deutschen haben diese Möglichkeit auch nicht...das Gerede von Demokratie ist nur Gerede und keine Realität; erst wenn sich Deutschland von der "Alternativlosigkeit" befreit , wird dieses Problem aktuell und sollte diskutiert werden.

Kommentar von "Marco", 27.07.2017, 23:23 Uhr:

So wie es aussieht kann sich die Frau, die in ständiger Angst vom der Abschiebung lebt, bei ihren Eltern bedanken. Die Staatsangehörigkeit der Eltern ist unklar, d.h. die Eltern ohne gültige Ausweispapiere eingereist. Dort liegt auch das eigentliche Probleme, dass Leute ohne Papiere nach Deutschland überhaupt einreisen dürfen. Wahrscheinlich haben die Eltern die Pässe weggeworfen, um möglichst lange ihre Abschiebung zu verhindern. Später wird sich dann gewundert und solche Beiträge werden im Fernsehen gezeigt. Dabei hätte die eigentlich schon längst abgeschoben werden müssen.