20 Jahre nach Lübeck: Der Fremde als Täter

Georg Restle am 19.01.2016

20 Jahre nach Lübeck: Der Fremde als Täter

Von Georg Restle

Es waren düstere Jahre in Deutschland. Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Solingen. Und dann das: Ein Brandanschlag auf ein Lübecker Flüchtlingshaus. Zehn tote Flüchtlinge, so viele Opfer wie nie zuvor. Deutschlandweites Entsetzen: Das rußgeschwärzte Haus in der Lübecker Hafenstraße wurde zur Chiffre eines deutschen Ausnahmezustands, in dem Flüchtlinge um ihr Leben fürchten mussten.

Brennde Flüchtlingsunterkunft

Das Lübecker Flüchtlingshaus in der Brandnacht

Für ganze drei Tage lang; dann kam die Entwarnung, die einem ganzen Land Erleichterung verschaffte: Der Täter ein Hausbewohner, ein libanesischer Flüchtling, der seinesgleichen verbrannte. Aus Selbstkasteiung wurde Selbstabsolution. Von nun an stand Lübeck für das voreilige Eingeständnis falscher, eigener Schuld. Der Bundespräsident, die Medien: Alle schwenkten um. Die Diskussion über den tödlichen Fremdenhass in Deutschland endete in den Untiefen polizeilicher Ermittlungen, die sich auf den einen, den fremden Täter festgelegt hatten – und den Verdacht gegen vier ostdeutsche Neonazis fallen ließen.

Dass der Tatverdacht nur auf der Aussage eines einzigen Zeugen vom Hörensagen beruhte. Dass Spuren nicht verfolgt, Beweisstücke nicht gesichert wurden. All das kümmerte kaum noch jemanden im Land. Es schien, als wollte sich eine ganze Nation endlich von aller Schuld freisprechen: Lübeck markierte den vorläufigen Endpunkt einer Debatte über ein hässliches Gesicht Deutschlands und die Sicherheit von Flüchtlingen im Land.

Monatelang recherchierte ich damals mit meinem Kollegen Ekkehard Sieker in Lübeck. Wir sprachen mit den Angehörigen der Opfer, dem Angeklagten, Anwälten, Hausbewohnern, Polizeibeamten, dem Zeugen der Anklage. Wir überprüften die Gutachten der Brandsachverständigen und der Rechtsmediziner. Wühlten uns durch sämtliche Details der Anklageschrift. Bis wir überzeugt waren: Die Version der Lübecker Staatsanwaltschaft ließ sich nicht halten. Schon Naturgesetze widersprachen ihr: Benzin als Brandbeschleuniger hätte bergauf fließen müssen. Der Flüchtling als Täter? Es gab ihn nicht. Die Ermittler hatten sich zu früh auf den Falschen festgelegt.

Aber das interessierte niemanden mehr in einer Zeit, in der das Bild vom brandwütigen deutschen Mob zu den Akten gelegt werden sollte. Erst drei Jahre später erfolgte der Freispruch erster Klasse; nicht aus Mangel an Beweisen sondern wegen des Komplettversagens einer Staatsanwaltschaft, die unfähig war, die wahren Täter zu ermitteln.

Heute, zwanzig Jahre später, scheint Lübeck wie ein Menetekel für den Fremdenhass dieser Tage. Für den Stimmungswandel in einer Gesellschaft, die die Anschläge deutscher Täter weit hinter den Taten einer Silvesternacht einsortiert, in der die Tatverdächtigen Fremde sind. Auch damals stand das Bild deutscher Einzeltäter gegen die allgemeine Gefahr der Zugeflüchteten und Zugewanderten. Die Unschuldsvermutung? Ausgesetzt. Das Urteil? Gesprochen, bevor die Anklage erhoben wurde. Die Begründung? Selbstverordnete Katharsis.

Die Zeiten sind wieder düster in Deutschland. Die Parallelen sind offenkundig. Auch deshalb sollten wir uns an Lübeck erinnern.

Stand: 19.01.2016, 18:00

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6 Kommentare

Neuester Kommentar von "Klartexter", 28.01.2016, 22:31 Uhr:

In 15 Jahren ist dieser Vorfall gerächt. Denn dann werden die Deutschen leider in der Minderheit sein. Sind wir jetzt bereits nur Sklaven des Staates, weil wir über ein halbes Jahr nur für ihn arbeiten, werden unsere Kinder dann dazu noch Entrechtete sein. Man braucht einfach bloß in die Länder zu sehen, woher diese Flüchtlingsströme kommen: Christen oder Atheisten sind nichts wert, werden geduldet. Sie haben eine Steuer zu zahlen an die Muslime, dass sie in Ruhe gelassen werden. Was die aber nie ganz davor schützt, Opfer von Raub, Gewalt, Vergewaltigung oder Vertreibung von Grund und Boden, zu werden! Alle Befürworter dieser Landnahme Deutschlands durch Muslime sollten sich mal kundig machen, in wie vielen Jahren sich islamischen Bevölkerungen verdoppeln und verdreifacht haben, ehe sie jetzt von Populismus oder totaler Übertreibung schreien. Zahlen sind Fakten. Und die lügen nie!

Kommentar von "Miriam S", 27.01.2016, 10:43 Uhr:

@IS Sie haben ja recht: das Grundübel war für die aktuelle Situation das "Wir schaffen es" was eigentlich die despotische Anweisung war: "IHR SCHAFFT DAS" und damit übergab man das Ganze der üblichen Merkel Art :Laissez-faire, on verra ...

Kommentar von "JS", 23.01.2016, 00:24 Uhr:

Es geht doch nicht darum "Taten gegeneinander abzuwägen". Was heute viele Menschen in Deutschland umtreibt, ist die völlige Planlosigkeit und offensichtliche Naivität der Protagonisten. Dieses Sinnlose Gerede um "Obergrenzen" - verschämt sagt jeder "wir können nicht alle nehmen", aber laut sagen? Oh Gott nur nicht. Eine Europäische Einigung auf irgendwelche "Verteilungsschlüssel" von Flüchtlingen löst doch das Problem nicht, es verschiebgt es höchstens zeitlich etwas. Und welche Naivlinge glauben denn tatsächlich Deutschland (oder Europa) könne auf ewig einen Migrationsdruck verhindern? Wenn man als Auslöser für Migrationsdruck mal ganz allgemein "Krieg und Terror" und "die wirtschaftlich besseren Chancen in Europa" benennt, gibt es zwei Möglichkeiten: 1) "Krieg und Terror in der Welt beenden und alle wirtschaftlich auf den selben Level wie Europa heben" oder 2) "Krieg und Terror auch in Europa und wirtschaftlicher Kollaps". Nur dann gäbe es keine Menschen mehr, die nach Europa gel ...

Kommentar von "Miriam S", 22.01.2016, 13:50 Uhr:

@Sachsenlandei Ewiggestrige sind wohl diejenigen, die sich bedenkenlos ins westliche Wirtschaftssystem integrieren und das unabhängig davon, ob sie ihrer Herkunft nach Ossi oder Wessi sind. die "Zwitterstellung" der BK ist dabei musterhaft. Ihre Politik ist jedenfalls in keiner Weise geeignet das Zurück in die Zukunft Rechtsradikaler aufzuhalten.

Kommentar von "Sachsenlandei", 20.01.2016, 22:58 Uhr:

Miriam S., man muss das differenziert sehen. Für den wendebejahenden Ossi sind "ewig Gestrige" genauso die fanatischen Linken, die trotz der schief gegangenen SED-Politik und dem Scheitern des Sozialismus beharrlich daran arbeiten, eine neue Links-Diktatur errichten zu wollen; natürlich aber viel, viel besser und nur im Interesse der vom "bösen Kapitalisten unterdrückten und ausgebeuteten" Menschheit... Ich kenne den Unterschied und muss anmerken, dass ich lieber vom bösen Kapitalisten erträglich ausgebeutet werde, wie von den lieben Gleichheitsbeschwörern einer linken Mangelwirtschaft. Das ewig Gestrige sollte man auch endlich so betrachten, wie es im Namen vorkommt: GESTRIG! Was 1933 bis 1945 passierte, das ist nicht alleinige deutsche Geschichte. Sondern es gab vorher und auch nachher noch Schicksalsjahre. Jeder intelligente Mensch kennt die unsägliche Zeit des Nationalsozialismus und wird keinesfalls ZULASSEN, dass sowas wieder hergestellt wird. Doch gibt es leider viele klug ...

Kommentar von "Miriam S", 20.01.2016, 12:54 Uhr:

hallo Herr Restle, es ist gut, wenn Sie ans Gedenken mahnen, hier in Ihrem Blogg... es gibt immer noch die ewig Gestrigen , die heute noch in Deutschlands Glorie zu schwimmen versuchen, einer mehr als trüben Suppe... ich halte es aber für kontraproduktiv, wenn man im Zusammenhang mit den Krawallen von Köln, die Krawallmacher aus der Affaire zu ziehen versucht indem man sofort auf die Rechtsextremen ablenkt und auf üble deutsche Vergangenheit den Blick fixiert. es wird keinen Extremisten bekehren...Nicht allein deutsche Vergangenheit hat sehr dunkle Schatten... Gruß Miriam S