Von Griechenland lernen

Georg Restle am 06.07.2015

Von Griechenland lernen

Von Georg Restle

Es ist und bleibt ein Trauerspiel: Wie Europas Spitzenpolitiker und -bürokraten auf Griechenlands „Nein“ reagieren, beweist erneut: Hier sind Überzeugungstäter am Werk, die nicht bereit sind, auch nur ein Jota von ihren bisherigen Positionen abzuweichen. Und die in ihrer technokratischen Borniertheit ein Politikverständnis offenbaren, das im Kern zutiefst undemokratisch und – ja – auch anti-europäisch ist.

Junge Griechen mit OXI Schildern

Es gehört zur Legendenbildung einiger Brüsseler und Berliner Spin-Doktoren, dass sich hinter dem Nein der Griechen ein Nein zum Euro oder gar zur gesamten Europäischen Union verberge. Wer dies behauptet, diskreditiert den Willen eines Volkes ganz bewusst, um davon abzulenken, dass es durchaus sozialpolitische Spielräume gibt, um den eisigen Wind eines neoliberalen Spardiktats abzumildern. Und wer nach wie vor unterstellt, die griechische Bevölkerung sei „Opfer“ der eigenen Regierungspropaganda gewesen oder unfähig, die Tragweite der eigenen Entscheidung zu beurteilen, stellt damit nicht nur die Demokratiefähigkeit der Griechen in Frage.

Viel schlimmer aber: Wer das Nein der Griechen ignoriert und einfach zur Tagesordnung übergeht, der verpasst eine historische Chance, die hinter diesem „Nein“ steht. In Griechenland haben nämlich keine Besitzstandswahrer abgestimmt, die nur wollen, dass alles so weiterläuft wie bisher. Im Gegenteil: Eine tragende Säule dieses Protests sind junge Griechen, die auch weiterhin zu Europa gehören wollen. Die sich gegen die alten und korrupten Seilschaften wehren, die ihr Land ins Unglück regiert haben. Und die eine neue Aufbruchsstimmung im Land repräsentieren. Junge, gebildete, kreative Menschen, die eine Zukunft im eigenen Land haben wollen und nicht als Billiglöhner fern der Heimat. Wer diesen Menschen ihre Fähigkeit zur Demokratie abspricht oder ihren Hang zu Europa, der wird eine ganze Generation verlieren. Eine Generation, auf die Europa angewiesen ist. Mehr denn je!

Stand: 02.07.2015, 09:00

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3 Kommentare

Neuester Kommentar von "Ed Loder", 28.07.2015, 09:42 Uhr:

Klar, dass Sie vermeiden möchten, dass junge Griechen als Billiglöhner irgendwo enden. Aber, bei den ganzen derzeitigen Problemen vergessen Sie die eigenen Leute hier, die bei uns schon lange schon da gelandet sind, aber bei Ihnen wohl keine Rolle spielen. Woher kommt nur dieser Drang nur das Fremde annehmen und fördern zu wollen, das eigene hiesige dagegen nur abzubauen und ihm möglichst die Daseinsberechtigung zu entsagen. Das zieht sich hier wie ein roter Faden durch alle Diskussionen, Griechenland, Flüchtlinge oft auch bei EU-Themen. Das wirkt so, als zählt das Eigene nichts und nur das Fremde sei anzuerkennen und zu fördern. Vielleicht ist das ein Aspekt, der einmal durchdacht werden sollte, weil er bestimmt bei den Prolorechten genauso gesehen aber da viel stärker empfunden wird und solche Themen, wie Zuwanderung bei diesen Leuten auf so starke Ablehnung und widerstand stoßen. Wenn wirkliches Interesse an einem einigermaßen glatt laufendem Zusammenleben besteht, muss auf d ...

Kommentar von "Klarformulierer", 09.07.2015, 22:38 Uhr:

Das kann man anders sehen. Doch bei dem Öffentlich-Rechtlichen regiert halt mal wieder Minderheiten-Huldigung. Oder, man kann es auch den allseits bekannten Mainstreamjournalismus nennen... Da ist doch jeder weitere Kommentar zwecklos.

Kommentar von "Miriam S", 08.07.2015, 11:12 Uhr:

Danke Georg Restle, für diesen Klartext, dem nichts hinzuzufügen ist.