Friedenswinter und Verschwörungsphantasien

Georg Restle am 16.12.2014

Friedenswinter und Verschwörungsphantasien

Von Georg Restle

Ich gestehe, auch ich bin ein Verschwörungstheoretiker: Ich kritisiere die NATO-Politik, soweit sie für Militarisierung und grenzenlose Expansion steht. Ich halte wenig von einer neuen Rolle Deutschlands in der Welt, wenn damit vor allem neue militärische Interventionen oder die Durchsetzung nationaler ökonomischer Interessen gemeint sind. Auch ich halte wenig von Kollegen, die sich vor den Karren transatlantischer Bündnisse oder anderer Lobbyisten spannen lassen.

Georg Restle

Georg Restle

Ja, und auch ich finde die eklatanten Völkerrechtsbrüche von US-Regierungen in der Vergangenheit unerträglich. Wer Menschen, die so denken, als verblendete Anhänger wirrer Verschwörungstheorien diffamiert, verfolgt damit nur ein Ziel: Kritisch denkende Menschen ins politische Niemandsland zu schieben, um sich mit ihren Forderungen nicht mehr auseinander setzen zu müssen.

Ich gestehe aber auch: Ich kann mit dem, was Mahnwachen und Friedenswinter fordern, meist wenig anfangen. Ich kann nicht nachvollziehen, dass Menschen, die sich für Frieden und Völkerverständigung einsetzen, einem russischen Präsidenten auf den Leim gehen, der einem religiös überhöhten Nationalismus frönt und Menschenrechte in seinem eigenen Land, in Dagestan oder Tschetschenien, mit Füßen tritt. Ich verstehe genauso wenig, wie Menschen, die sich (zum Teil zu Recht) als kritische Beobachter deutscher Medien empfehlen, einem russischen Staatssender wie Russia Today jede Propaganda abkaufen, und sei sie noch so plump. Und ich könnte fast wahnsinnig werden, wenn sich in die Kritik am internationalen Großkapitalismus antisemitische Töne einmischen.

Ob Montagswachen oder Friedenswinter: Es ist der unabhängige kritische Geist, den die Bewegung für sich, und nur für sich, beansprucht. Aber kritisches, eigenständiges Denken lässt sich eben nicht von Lagern vereinnahmen. Es giert nach einer Unabhängigkeit des Geistes, dem jegliche Ideologisierung zuwider ist. Es versucht nicht, das Unrecht des einen mit dem Unrecht des anderen aufzurechnen. Und es hinterfragt gerade die Gewissheiten, die die eigenen Vorurteile so bequem zu bestätigen scheinen. In diesem Sinne ist kritisches eigenständiges Denken politisch heimatlos, weil es sich nicht in Parteiprogramme pressen lässt. Das heißt nicht, dass es politisch neutral ist. Im Gegenteil: Es findet seine Werturteile in einem stetigen Prozess des Sich-in-Frage-Stellens.

Ein so verstandenes kritisches Denken hat diese Gesellschaft gerade so bitter nötig wie selten zuvor. Denn die eigentliche Gefahr in Deutschland droht zur Zeit von Rechtsaußen: Wo sich rechtsextreme Kader gerade aufmachen, die Ängste eines aufgebrachten Bürgertums für sich zu vereinnahmen. Wo eine Partei, die sich Alternative für Deutschland nennt, nach Wählern schielt, die für einen neuen Nationalismus empfänglich sind. Und wo Millionen stumm nicken, wenn Flüchtlingsunterkünfte brennen. Da wäre eine klare Abgrenzung nötig. Deshalb sollten sich die Anhänger von Montagswachen und Friedenswintern kritisch fragen, wie nah sie dem Gedankengut der rechtsextremen Rattenfänger eigentlich schon gekommen sind.

Denn auch die neue, alte Rechte kritisiert die Medien; wahlweise als linke Lügenpresse oder als zwangsgebührenfinanziertes Staatsfernsehen. Auch die Rechten haben ihre politische Zuneigung zum russischen Präsidenten entdeckt: Weil er ihr homophobes Familienbild gleichermaßen bedient wie ihren religiös durchtränkten Nationalismus. Und auch die Rechte kritisiert zu viel US-amerikanischen Einfluss in diesem Land, weil sie ein starkes, souveränes Deutschland herbei sehnt, an dem die Welt dann wieder genesen soll.

Nein, ich unterstelle der neuen „Friedensbewegung“ weder nationalistische noch faschistische Ziele. Und im Kern ist sie sicher auch nicht antisemitisch. Was ich ihr vorwerfe: Dass sie eine Flanke offen lässt für die Deutschtümmler von rechts außen. Dass sie sich nicht entschieden genug abgrenzt. Und dass sie ausgerechnet einen russischen Präsidenten in Schutz nimmt, der mit ihren linken Idealen, mit Menschrechten, Toleranz und Frieden weniger am Hut hat als Russia Today uns täglich glauben machen will.

Der Kampf gegen die neue Gefahr von Rechtsaußen braucht ein starkes gesellschaftliches Bündnis. Dazu sollten alle gehören, die eine humane, friedliche, weltoffene Gesellschaft zum Ziel haben. Wer sich als Erbe der Friedensbewegung versteht, sollte diesen Kampf entschieden mitführen. Und sich von alten Zöpfen trennen.

Stand: 17.12.2014, 08:33

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38 Kommentare

Neuester Kommentar von "Fischer, M.", 24.06.2017, 11:59 Uhr:

Gibt es in der Politik und Kriegsberichterstattung überhaupt noch etwas Glaubhaftes? Ich glaube nicht. Es werden Revolutionen geschürt, Putsche inszeniert und Kriege geführt. Vielfach aufgrund angeblicher Beweise von geheimen Staatsdiensten. Doch die Angeblich vorhandenen Beweise werden aufgrund weil es ja geheime Dienste sind nie erbracht. Die Produkte, die Revolutionen, Putsche und Kriege dieser Behauptungen werden jedoch geführt. Aufgrund von angeblich vorhandenen Beweisen wurde der Irak-Krieg geführt, angeblich wurden in Kuweit Frischgeborene aus den Brutkästen geworfen, wurde gegen Afghanistan Krieg geführt, angeblich hat Russland Krim annektiert, angeblich sind schon mehrfach russische Panzerkolonnen in der Ukraine einmarschiert, der Abschuss von MH 17 wäre durch Russland erfolgt, hier im Westen wird die Wahrheit dass die georgische Regierung ihre Armee die Osseten zuerst überfallen hat klein gehalten, glaubt man den Aussagen unserer Regierungen so könnte man glauben dass ...

Kommentar von "Friedlich Leben", 04.04.2017, 21:21 Uhr:

Diese elenden, sich schon täglich steigernden, kriegstreibenden Aussagen, Aufrüstungen und Hetzen gegen Russland müssen endlich beendet werden. Wir, die privaten Zivilisten in Deutschland wollen keinen Krieg. Unsere Politiker und Journalisten sollten sich endlich wieder an ihre Vernunft erinnern. Auch diese militärische Mobilmachung nahe der russischen Grenze muss endlich beendet werden. Es ist nicht zu erkennen dass Russland gegen Länder der EU aggressiv ist. Es ist jedoch täglich anhand von den hier gezeigten Nachrichten zu erkennen dass die USA mitsamt ihrer NATO aggressiv gegen Russland wirken. Auch unsere Politiker sowie deren meinungsmachende Journalisten müssen endlich aufhören gegen Russland zu hetzten. Diese elende Stimmungsmache seitens Politiker und Journalisten für einen Krieg gegen Russland muss endlich beendet werden. Ich, und mir Sicherheit Millionen andere Menschen in unserem Staat wollen in Deutschland, und mit den Menschen unserer Nachbarländer in Frieden ...

Kommentar von "Friedlich Leben", 10.03.2017, 20:19 Uhr:

In der BILD-Zeitung stand Anfang des Jahres ein Bericht wegen der von Russland aufgestellten Raketen in Ostpreußen. Der gesamte Bericht war wieder voller Propaganda, Hetze gegen den von unseren NATO-Staaten, insbesondere USA, gewünschten Feind Russland. Mit keinem Wort wurde erwähnt dass die Aufstellung der russischen Raketen aufgrund der gegen Russland gerichteten, kolossalen NATO-Aufrüstung erfolgten. Auch wurde nicht erwähnt dass die USA einen gegen Russland gerichteten Raketenschirm in Polen, Rumänien USA vor der russischen Aufstellung installierte. Unsere NATO-Seite ist beständig am agieren und Russland am reagieren. Jeder aufmerksame Nachrichtenbeobachter könnte es bemerkt haben. Da schreibt die Bildzeitung von einem für die NATO ungünstigen Kriegszenarium weil die Raketen von Russland die NATO-Raketen abfangen könnten. Unsere Journalisten, fast hundert Prozent ideologisch in links-grün-68er Ausrichtung, sind fortwährend gegen Russland am hetzen. Irgendwann hab ...

Kommentar von "Friedlich Leben", 09.03.2017, 12:10 Uhr:

Gabriel versucht erste Schritte um mit Russlahd wieder bessere Verbindungen aufzubauen. Zugleich findet er die NATO -Aufrüstung (er beschreibt es selbstverständlich anders) in den Ostländern der EU für gerechtfertigt. Er begründet das mit der angeblich starken Aufrüstung der russischen Armee an der Westgrenze Russlands. Solche Aussagen / Beschuldigungen beinhalten wieder einmal eine Meinungsmanipulation unserer Bevölkerung. Aufmerksame Beobachter der politischen Geschehen konnten erkennen dass die Aufrüstung der russischen Armee eine Reaktion auf die Aktion, Mobilmachung der NATO in den Ostländern der EU war. Bisher hat für uns Zuschauer nicht Russland die NATO-Staaten bedroht sondern die NATO-Staaten haben durch den Aufbau des Raketenschirms und die totale Aufstockung der Militäreinheiten die russische Grenze bedroht. Die Formulierungen, dass Russland uns bedrohen würde klingen genauso unglaubhaft wie die Formulierungen dass der US- / NATO-Raketenschirm ja nicht gegen Russla ...

Kommentar von "Friedhelm", 05.03.2017, 17:42 Uhr:

Bei Beobachtung der heutigen Politik kann nicht oft genug vor der Gefahr eines neuen Weltkrieges gewarnt werden. Leider werden Warnungen vor einem 3. Weltkrieg immer wieder als Verschwörungstheorien beschrieben. Aber das alleine gibt Zeichen dass die Warner vermutlich recht haben und die Verfechter der heutigen aggressiven Politik gegen Russland ihre Politik nicht in eine friedlichere verändern wollen. Die Tage lesen wir dass die USA ihre Miltärausgaben um rund 53 Milliarden Dollar erhöhen wollen. Die 53 Milliarden entsprechen, so wie man oft liest, ungefähr die Gesamtausgaben des russischen Militärs. Erweiterung werden unvorstellbare Summen für Kriegsführungen ausgegeben und in vielen Ländern der Erde verhungern Kinder welche mit relativ wenig Geld am Leben gehalten werden könnten. Warum diese Steigerungen der Militärausgaben? Die USA beherrscht, zumindest militärisch, die gesamte Welt mit ihren rund 1000 externen Stützpunkten auf der Erde. Russland soll angeblich nur rund ...

Kommentar von "Friedrich", 05.03.2017, 17:04 Uhr:

Mein Kommentar 02.03.16, 20:31h, ist wieder einmal sehr kurz geschnitten worden. Wahrscheinlich hat man Geschichtsbücher gewälzt und erkannt dass tatsächlich Parallelen zwischen der heutigen Kriegsführung des derzeitigen "Kalten Krieges" gegen Russland und den deutschen Kriegszielen im 1.Weltkrieg zu finden sind, aber andere Menschen sollen es nicht wissen. Oder man hat meinen Beitrag wieder als Verschwörungstherie abgetan und sich noch nicht einmal die Mühe gemacht über die deutschen Kriegsziele der Reichsregierung und der obersten Heeresleitung (insbesondere Ludendorff) im 1. Weltkrieg nachzulesen.

Kommentar von "Wilfried", 05.03.2017, 16:46 Uhr:

Die NATO betreibt eine unberechenbare Mobilmachung in den Baltenländern und Polen gegen Russland. Im Frühjahr soll es wieder ein sehr großes Manöver an der russischen Grenze geben. In den meistgelesenen deutschen Medien ist darüber mal wieder kaum etwas zu lesen um von der Volksmeinung nicht behindert zu werden. Diese Mobilmachung, vermutlich eine Vorbereitung für einen Angriff auf Russland verläuft emsig in kleineren Schritten, aber mit gewaltigem Militärpotential. Wer diese gefährliche Aufrüstung der USA und seiner "Fremdenlegion", die NATO an der östlichen NATO-Flanke beobachtet, und dazu noch irgendwelche aggressiven Aussagen von Führungskräfte des US-Militärs hört, dann fragt man sich ob die NATO im kommenden Manöver die russische Grenze überschreitet um unsere Erde in eine atomare Zerstörung zu schicken. US-Generäle sprachen in den zuletzt geführten Angriffskriegen immer wieder von chirurgischen Schnitten, doch es ist denen immer wieder aus dem Messer gelaufen. Kriege ...

Kommentar von "Friedrich", 02.03.2017, 20:31 Uhr:

Zwischen den in Geschichtsbüchern zu lesenden Kriegszielen der deutschen Heeresleitung, speziell Ludendorff und dem engeren Kreis um den deutschen Kaiser im 1. Weltkrieg und dem heutig zu beobachtenden, sowie vermutlich beabsichtigten Vorgehen der USA und NATO gegen Russland sind interessante Parallelen zu beobachten.

Kommentar von "Friedrich", 02.03.2017, 14:35 Uhr:

Wer vor einem aggressiven Verhalten der NATO, wer vor einer Kriegsmobilmachung der NATO gegen Russland warnt, der ist in Meinung der derzeitiger politischen Rechthaber im Land ein Verschwörungstheoretikern. So wurde und wird auch derjenige als Verschwörungstheoretikern beschimpft der sagte dass einer der Hauptgründe von US-Strategen für das Zerren an der Ukraine war die Halbinsel Krim unter Beschlag zu nehmen um die russische Schwrzmeerflotte von dort zu vertreiben, um im Kriegsfall somit näher an der russischen Hauptstadt zu sein. Auch derjenige wird als Verschwörngstheoretiker beschimpft der sagt dass es ohne ausländische Hilfe aus den NATO-Staaten für die Maidan-Demonstranten wahrscheinlich nicht zum Regierungsputsch der demokratisch gewählten Regierung in Kiew gekommen wäre. Nun Mengen unsere westlichen Politiker wieder schärfer in die inneren Angelegenheiten von Georgien. Angeblich würde sich das georgische Militär einen US-Stützpunkt an der georgischen Schwarzmeerküst ...

Kommentar von "Wilfried", 02.03.2017, 12:15 Uhr:

Gerade kam in den Nachrichten dass unser Außenminister Gabriel Russland kritisierte weil Russland angeblich an der westlichen Grenze des Landes das Militär verstärkt habe. So etwas wäre ja nicht erforderlich da von den kleinen Baltenländern keine Gefahr ausginge. Was mischt sich unsere Regierung wieder in innere. Angelegenheiten von Russland ein? Es geht uns doch überhaupt nichts an wie und wo Russland im eigenen Land ihre Landesverteidigung aufstellt. Weiter hat unsere Regierung auch kein moralisches Recht zur Kritik. Unsere Regierung war es ja welche ja gemeinsam mit Ihren NATO-Verbündeten eine ganze Armada von Miltär direkt an der russischen Grenze aufgestellt hat, so als würden sie am liebsten schon morgen die russische Grenze überschreiten wollen. Nun stehen unsere deutsche Soldaten nach dem zweiten Weltkrieg schon wieder mobil an der russischen Grenze. Was haben unsere Politiker meiner Meinung nach für ein gestörtes Rechtsempfinden, anderen vorschreiben zu wollen was sie ...

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