Flüchtlinge klagen an: schnelle Ausreise nach Deutschland häufig nur gegen Cash | Pro Asyl: Geschäftemacherei muss unterbunden werden

Pressemeldung vom 02.07.2015

Flüchtlinge klagen an: schnelle Ausreise nach Deutschland häufig nur gegen Cash | Pro Asyl: Geschäftemacherei muss unterbunden werden

Nach Recherchen des ARD-Magazins MONITOR (heute 21:45, ARD) bezahlen viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Nord-Irak zum Teil hohe Summen, um einen Termin an einer Deutschen Botschaft zu bekommen. Konkret geht es um Termine an den Deutschen Botschaften in Beirut (Libanon) und Ankara (Türkei), um ein Visum für Familiennachzug zu erhalten. Nach MONITOR-Informationen sollen auch Botschaftsmitarbeiter an den Deals beteiligt sein.

Symbolfoto Schild Deutsche Botschaft

Terminkäufe an Deutschen Botschaften

Nach Aussagen der Flüchtlinge werden dafür in einigen Fällen sogar mehr als 1000 Euro an dubiose Händler für einen einzelnen Termin bezahlt. Ohne einen solchen Termin haben Familienangehörige von anerkannten syrischen Flüchtlingen keine Möglichkeit legal in die Bundesrepublik einzureisen.

Mit den offiziellen Terminvergabesystemen der Botschaft sei es so gut wie unmöglich, zeitnah einen Termin zu bekommen, berichten zahlreiche Flüchtlinge. Die Wartezeit müssen viele ihrer engen Verwandten im Kriegsgebiet oder in Flüchtlingslagern verbringen.

Einer der Flüchtlinge berichtet MONITOR, er habe mehrfach versucht, auf offiziellem Weg einen Termin mit der Botschaft zu vereinbaren. „Das war unmöglich“, beklagt er. Erfolg habe er erst über einen Terminhändler gehabt. Das Geld sollte er „zur Hälfte in Berlin bezahlen und meine Frau die andere Hälfte in Beirut“, so seine Schilderung. Die Zahlung ging laut Aussage seiner Frau an einen Mann, „der in der Botschaft gearbeitet“ habe.

Auch an der deutschen Botschaft in Ankara kommt es nach MONITOR-Recherchen immer wieder zu sogenannten Terminkäufen. So berichtet etwa ein syrischer Flüchtling gegenüber MONITOR, dass seine Frau einen Termin gekauft habe: „Der Händler sagte, er kenne Leute in der Deutschen Botschaft. Nachdem sie ihm das Geld gegeben hatte, dauerte es zwölf oder dreizehn Tage bis zu dem Termin.“

Rechtsanwälte, die Flüchtlinge in Deutschland vertreten, bestätigen den regen Handel mit Botschaftsterminen. So erklärte etwa die auf Asylrecht spezialisierte Anwältin Kareba Hagemann, allein sie habe „circa zehn Mandanten, die mir berichtet haben, dass sie Geld gezahlt hätten, um an einen früheren Termin zu kommen, wo das reguläre Verfahren ihnen zu lange gedauert hat.“

Der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkardt, fordert vor dem Hintergrund der MONITOR-Recherchen, die „Geschäftemacherei mit Terminen auf Kosten von verzweifelten Flüchtlingen zu unterbinden und die langen Wartezeiten endlich zu beenden“. Visumsanträge für Familienzusammenführung sollten künftig „vollständig in Deutschland bearbeitet werden“.

Das Auswärtige Amt erklärte auf Anfrage, jedem Verdacht auf Unregelmäßigkeiten werde nachgegangen. „Bisher konnten in keinem Fall die Vorwürfe erhärtet werden“.

Stand: 02.07.2015, 08:00

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19 Kommentare

Neuester Kommentar von "Farhad", 02.03.2016, 14:12 Uhr:

Ich habe die Deutsche Botschaft in Teheran mehrmals über das Problem mit dem Online-Terminvergabesystem angeschrieben und leider keine Antwort erhalten. Seit Anfang Januar 2016 versuche ich einen Visatermin für meine Frau zwecks Familienzusammenführung zu buchen und alle 10 Termine für die ganze Woche (2x pro Arbeitstag) werden schon innerhalb 45-60 Sekunden vergeben. Also es lässt dem User nicht mal die Zeit das Onlineformular auszufüllen und zu speichern. Die Deutsche Botschaft in Teheran behauptet schon seit Wochen, es gäbe IT-Probleme und man solle nächste Woche versuchen, wobei diese Termine von dubiosen Versicherungsfirmen in der Nachbarschaft der deutschen Botschaft in Teheran für umgerechnet 300.00 Euro angeboten werden. Der Name und die Adresse von zwei solchen Versicherungsfirmen sind mir bekannt. Interessanterweise nimmt Lufthansa in Teheran die Dienste einer von diesen Agenturen in Anspruch. Die Frage ist, wie solche Versicherungsfirmen ohne interne Hilfe Zugang zu d ...

Kommentar von "E. ALOMARI", 01.09.2015, 00:30 Uhr:

guten Tag ich bin mittlerweile der festen überzeugung dass mitarbeiter in den botschaften ein hand darüber haben, d.h. wissen wie man termine kauft, bzw. verkauft. ich bin in der BRD staatlich geprüfter Übersetzer und organisiere die Termine ganz legal über das Vergabesystem gegen eine Gebühr von 10 JOD umgerechnet 13 Euro, allerdings muss ich auch tage bzw. wochen lang das online system beobachten damit ich einen termin für einen flüchtling bekomme, ein Onlinevergabesystem, das nach behaubtung der korruptionsfreie deutsche Mitarbeiter Organisation sicher sei. habe mehrmals bei der Botschaft in amman angefragt-überigen nicht die Vorzeigemitarbeiter einer deutschen Botschaft- immer mit der gleichen antwort-sie kennen die antwort bestimmt. was mich wundert ist der folgender Sachverhalt: ich setze stunden auch nächte durch, um einen Termin zu bekommen, das Terminvergabesystem des Auswärtigen Amts sagt z.B. folgendes Es sind zur Zeit leider keine Termine verfügbar. Neue Termine wer ...

Kommentar von "Artemis", 12.07.2015, 13:19 Uhr:

Ja, dass Dumme ist, dass jetzt, wo dieser Weg aufgedeckt wird, noch weniger Chancen bestehen, dass einer einen Termin in der Botschaft bekommt. Bestechungen sind ein Zeichen dafür, dass man sonst überhaupt keine Chance hätte. Botschaften vieler Länder sind korrupt, antworten nicht auf emails (deutsche Botschaft Islamabad), nehmen nicht das Telefon ab. Wenn man die richtige Person kennt, geht aber alles. Es ist zwar gut, diese Korruption zu unterbinden. Schuld daran sind aber die Staaten, die dahinterstehen. Ich bin mir sicher, sie geben vor, so wenig Anträge wie möglich anzunehmen. Ich habe mir mal die Asylantragstellung in Griechenland hautnah angesehen, man hatte wirklich den Eindruck, Griechenland wird von der EU bezahlt dafür, dass so wenig wie möglich Asylanträge stellen. Ein Bekannter von mir (und ich mit) hat 4 Monate jede Woche von 18.00 Uhr die ganze Nacht bis um 9.00 des nächsten Tages vor der Polizeistelle gewartet. Oft kam dann jemand und sagte, leider ist der Kopierer ...

Kommentar von "Martin Flamm", 06.07.2015, 02:03 Uhr:

Was Monitor aufgedeckt und gesendet hat, ist ja nur die oberste Spitze eines unglaublich großen Eisberges. Denn es betrifft ja nicht nur die Terminvergaben für die deutsche Botschaft in Libanon. Meine eigenen Recherchen in zahlreichen afrikanischen Ländern haben ergeben, das offizielle Mitarbeiter der Botschaft (also ordentlich verbeamtete deutsche Staatsbürger), zusammen mit einheimischen Kontaktpersonen, eine lukrative, zusätzliche Einnahmequelle erschlossen haben. Wie bekannt, werden ja fast alle Visaanträge junger afrikanischer Staatsbürger, auf Anweisung von Berlin, abgelehnt. Was die korrupten Mitarbeiter allerdings nicht daran hindert, gegen Zahlungen in Höhe von Euro 3000,- bis 5000,-, eben an die Angelehnten Kandidaten das begehrte Visum ohne weitere Nachfragen einzustempeln. Mauritanien liegt hier ganz vorne, wird aber in praktisch allen afrikanischen Botschaften so gehandhabt. Sehr erfolgreich und lukrativ besonders in Ghana. Es gibt unter Afrikanern schon das geflügelte ...

Kommentar von "Simone Rezik", 03.07.2015, 19:37 Uhr:

...vielleicht kommt jetzt endlich Bewegung in dieses "Geschäft" mit der Not der Menschen, die nur ihre legalen Rechte einfordern. Seit die Deutsche Botschaft in Libyen geschlossen und nach Tunesien verlegt wurde, ist diese Praktik normal, da die Botschaften verdächtige Firmen beauftragt haben für Sie die Terminplanungen im ausschließlichen Onlineverfahren durchzuführen. Aus persönlichen Versuchen kann ich bestätigen, dass dies alles nur Fake zu sein scheint und alle Termine bis in die nächsten Jahre bereits vergeben sind egal wann man sich dort einloggt.Also keine Möglichkeit auf dem normalen Weg einen Termin zu bekommen. Nur, wenn man bezahlt und vor Ort ist und Glück hat, dass man nicht komplett um sein Geld betrogen wird ohne den versprochenen Termin zu bekommen, was Freunden von uns passiert ist, die dringend ein Visum zur medizinischen Behandlung in Deutschland brauchten. Tolerieren solcher Korruption ist nicht besser, als selbst mitzumachen. Sowas beschädigt den Ruf von Deut ...

Kommentar von "Matthias", 03.07.2015, 10:57 Uhr:

Die wichtigsten Fragen wurden an das Auswärtige Amt bei der Recherche von Monitor offensichtlich nicht gestellt: warum kann es überhaupt sein, dass es ein ganzes Jahr dauert, bis die nachziehenden Familien einen Termin in der Botschaft bekommen? Und warum das Personal dort nicht so signifikant verstärkt wird, sodass die Bearbeitung schneller möglich ist? Das Auswärtige Amt ist allein dafür verantwortlich, dass dieser Termin-Schwarzmarkt überhaupt entstanden ist. Da frage ich mich: was für Leute sitzen heutzutage eigentlich an entscheidener Stelle im Auswärtigen Amt? Sind da immer noch braune Tendenzen zu verorten???

Kommentar von "Trommler", 03.07.2015, 10:54 Uhr:

"Das Auswärtige Amt erklärte auf Anfrage, jedem Verdacht auf Unregelmäßigkeiten werde nachgegangen. “. Die Erkenntnis des geBILDeten Michels muss lauten: "Mein Name ist Hase, ich will davon nichts wissen!" Diese freiheitlich-demokratische Korruptionsordnung in deutschen Botschaften ist eines Rechtsstaates á la Deutschland unwürdig!

Kommentar von "Robert Baumgart", 03.07.2015, 10:43 Uhr:

Sehr geehrtes Monitor Team, auf diese Umstände hinzuweisen ist richtig. Aber dann sollte es journalistisch auch korrekt gemacht werden. Hier wurde meiner Meinung nach sehr oberflächlich recherchiert. Und ich glaube, dass ist es auch was die Bevölkerung fälschlicherweise mit dem Begriff "Lügenpresse" meint. Bilder von Kampfhandlungen, oder kleinen Kindern im Kriegsgebiet zu zeigen, mag zwar die Einschaltquote erhöhen, sind meiner Meinung nach in diesem Fall nicht zielführend. Monitor sollte über Missstände berichten, bzw. sie aufdecken, aber nicht Meinung machen. Wenn das Team schon monatelang recherchiert hat, frage ich mich weshalb nicht danach gefragt wurde ob die Kontaktperson deutscher Staatsbürger ist? Weshalb wurde nicht gezeigt, dass auf der Webseite der Deutschen Vertretung ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass man nicht mit dubiosen Terminhändlern zusammenarbeitet. Weshalb wurde nicht erwähnt, dass in den Botschaften auch "Ortskräfte" in den Rechts- und Konsulara ...

Kommentar von "heike", 03.07.2015, 09:51 Uhr:

... seit wochen versuche im stundentakt telefonisch die deutsche botschaft ankara in einer solchen visum-angelegenheit zu erreichen...keiner geht ran oder es wird auf besetzt gestellt. alternativ landet man in der stundenlangen, kostenpflichtigen warteschleife..und erreicht auch niemanden. mails werden nicht beantwortet. das auswärtige amt reagiert auch nicht. die menschen um die ich mich aus der ferne kümmere, fragen mich jeden tag, ob sie besser irgendwelche windigen türken für einen termin bezahlen sollen!!! ich sage die ganze zeit nein, da werdet ihr besch... denn das geht mit deutschen nicht! na bravo! hilft aber meinen freunden nicht raus aus dem flüchtlingselend in der südtürkei!!! zwischenzeitlich wird ihnen angedroht, die kinder zu entführen, sie hätten ja geld. schweinerei!

Kommentar von "S. Fischer", 02.07.2015, 23:40 Uhr:

Vom Großen Kuchen "Wie man Geld mit Flüchtlingen macht" was abzweigen. Nichts anderes ist das Ergebnis was man bei dieser Berichterstattung deutlich erkennen kann. Für mich grenzt das ganze in der Art und Weise als auch in der Ausführung an Korruption. Dabei geht es hier nicht ausschließlich um Personalmangel oder ausländischen Mitarbeitern. Der Bericht zeigt die deutschen Kontakte die das ganze entsprechend vermittelt und weiter geben. Hier kann ich nur sagen das ist unterste Schublade. Wir verurteilen Situationen, banden und Schlepper etc. und an den entscheidenden Stellen sitzen Leute und Drahtzieher die letztlich nichts anderes machen als ebenfalls die Hand aufzuhalten. Das die Botschaften unterschiedlich agieren und für Leistungen auch Geld nehmen ist bekannt allerdings ist mir keine Untertisch Gebührenverordnung bekannt. Wer mit Flüchtlingen arbeitet weiss das dies bei weitem nicht die Eisspitze dessen ist wie die Geldmaschine Flüchtlinge ausgenutzt wird.

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