Was ist wann bei den Silvester-Übergriffen passiert?

Polizeiwagen vor dem Kölner Dom

Chronologie der ersten Tage

Was ist wann bei den Silvester-Übergriffen passiert?

Von Christian Wolf

Das Ausmaß der Übergriffe rund um den Kölner Hauptbahnhof ist erst nach und nach öffentlich geworden. Was passierte auf dem Bahnhofsvorplatz genau? Und wie reagierte die Polizei? Eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse an den ersten Tagen nach Silvester.

31.12.2015, 21 Uhr: Auf dem Platz vor dem Kölner Hauptbahnhof und auf den Treppen zum Dom, so die Polizei bei einer Pressekonferenz am Dienstag (05.01.2016), haben sich etwa 400 bis 500 Personen versammelt. Es ist die Rede von jungen Männern im Alter zwischen 18 und 35 Jahren mit nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Es wird vermehrt Alkohol getrunken. Zudem werden Feuerwerkskörper aus der Masse heraus abgefeuert.

Aggressive Menschenmenge Köln

Ein Handyvideo zeigt die Situation auf dem Bahnhofsvorplatz

31.12.2015, 23 Uhr: Mittlerweile ist die Gruppe auf dem Bahnhofsvorplatz und auf der Treppe laut Polizei auf etwa 1.000 Personen angewachsen. Immer mehr Feuerwerkskörper werden auf Menschen abgefeuert. Polizeidirektor Michael Temme beschreibt die Stimmung im Nachhinein als "aggressiv". Die Personen seien "völlig enthemmt" gewesen und hätten sich auch vom Einschreiten der Polizei "unbeeindruckt" gezeigt. Die Polizei entscheidet sich dazu, den Bahnhofsvorplatz sowie die Treppe zu räumen. Es wird eine weitere Eskalation befürchtet.

01.01.2016, 0:45 Uhr: Die Lage hat sich laut Polizei zunächst beruhigt. Die Sperrungen werden aufgehoben. Die Menschenmasse hat sich in kleinere Gruppen zerstreut.

01.01.2016, 1 Uhr: Die Polizei hat, nach eigenen Angaben vom Dienstag (05.01.2016), nun erste Hinweise erhalten, dass es auch zu massiven sexuellen Übergriffen aus den Gruppen heraus auf Passanten gekommen ist. Die Kölner Polizei konzentriert daraufhin nach eigenen Angaben alle Kräfte auf den Bereich des Bahnhofsvorplatzes. Polizeidirektor Temme spricht von knapp 150 Kräften, die in der Silvesternacht am Hauptbahnhof im Einsatz sind. Die Polizei geht nun dazu über, vor allem Frauen, die alleine unterwegs sind, anzusprechen und auch bis zu den Türen des Hauptbahnhofes zu begleiten. Augenzeugen berichten nachher davon, dass es auch innerhalb des Bahnhofs zu Übergriffen gekommen ist. Für diesen Bereich ist nicht die Kölner Polizei, sondern die Bundespolizei zuständig.

01.01.2016, 08:57 Uhr: Die Kölner Polizei fasst in einer Pressemitteilung die Ereignisse der Silvesternacht zusammen. Unter der Überschrift "Ausgelassene Stimmung - Feiern weitgehend friedlich" wird ein positives Fazit des Jahreswechsels gezogen. "Wie im Vorjahr verliefen die meisten Silvesterfeierlichkeiten auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen friedlich. Die Polizisten schritten hauptsächlich bei Körperverletzungsdelikten und Ruhestörungen ein", heißt es in der Bilanz. Konkret wird die Räumung des Bahnhofsvorplatzes und des Treppenaufgangs genannt, um eine Massenpanik durch Zünden von Pyrotechnik zu verhindern. "Trotz der ungeplanten Feierpause gestaltete sich die Einsatzlage entspannt - auch weil die Polizei sich an neuralgischen Orten gut aufgestellt und präsent zeigte", schließt die Pressemitteilung. Von den massiven Übergriffen ist nicht die Rede.

02.01.2016, 16:58 Uhr: In einer weiteren Pressemitteilung informiert die Kölner Polizei jetzt auch über die Übergriffe. Knapp 30 Betroffene hätten Anzeige erstattet und die gleiche Vorgehensweise der Täter geschildert: "Die Geschädigten befanden sich während der Neujahrsfeier rund um den Dom und auf dem Bahnhofsvorplatz, als mehrere Männer sie umzingelten. Die Größe der Tätergruppen variierte von zwei bis drei, nach Zeugenaussagen nordafrikanisch Aussehenden bis zu 20 Personen. Die Verdächtigen versuchten durch gezieltes Anfassen der Frauen von der eigentlichen Tat abzulenken - dem Diebstahl von Wertgegenständen." In einigen Fällen seien die Männer jedoch noch weitergegangen und hätten die Frauen unsittlich berührt. Zur Klärung der Taten sei eine Ermittlungsgruppe eingerichtet worden.

03.01.2016: In der Nacht auf Sonntag ist es erneut zu Übergriffen gekommen. Fünf Männer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren wurden am frühen Morgen auf einem Bahnsteig des Breslauer Platzes festgenommen. Zuvor hatten sie laut Polizei Frauen bedrängt und Reisende bestohlen. Unklar ist, ob die Männer auch für die Vorfälle in der Silvesternacht mitverantwortlich sind.

04.01.2016: Das Ausmaß der Übergriffe wird immer deutlicher. Mittlerweile sind bei der Polizei 60 Anzeigen eingegangen, ein Viertel davon wegen sexueller Übergriffe. Auch von einer Vergewaltigung ist die Rede. Auch andere Straftaten wie Diebstahl und Körperverletzungen sollen begangen worden sein. Die Zahl der Geschädigten steigt auf 80 Personen. Auf einer Pressekonferenz sagt Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers, es sei "völlig unerträglich", was passiert sei. Die Gewerkschaft der Polizei spricht von einer "völlig neuen Dimension der Gewalt". Für die bevorstehenden Karnevalstage kündigt Albers schärfere Sicherheitsmaßnahmen an.

05.01.2016: Im Kölner Rathaus treffen sich Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) mit Vertretern von Bundes- und Landespolizei, um über Konsequenzen aus der Silvesternacht zu beraten. Im Anschluss wird bekannt gegeben: An Karneval wird die Polizeipräsenz erhöht - sowohl in Uniform als auch in zivil. Zudem sollen mobile Videoanlagen eingerichtet werden. Laut Reker gibt es keine Hinweise, dass es sich bei den Tätern um Flüchtlinge aus Kölns Unterkünften handelt. Kritik am Einsatz der Polizei weist Polizeipräsident Albers zurück und sagt, es seien ausreichend Kräfte auf dem Bahnhofsvorplatz gewesen. Die erste Einschätzung nach der Silvesternacht sei allerdings falsch gewesen. Die Zahl der Strafanzeigen ist mittlerweile auf 90 angestiegen.

Stand: 08.01.2016, 15:25