2. Prozesstag: Ehemaliger Wachmann will aussagen (5)

Gerichtsskizze: Der Angeklagte im Auschwitz-Prozess

2. Prozesstag: Ehemaliger Wachmann will aussagen (5)

Von Oliver Jürgens

Am zweiten Verhandlungstag hat die Verteidigung des ehemaligen Auschwitz-Wachmanns Reinhold Hanning (94) eine Erklärung ihres Mandanten angekündigt. Zuvor sagten zwei weitere Überlebende des Vernichtungslagers als Zeugen aus.

Die Verteidigung kündigte ganz überraschend kurz vor Ende des zweiten Verhandlungstages eine Erklärung des 94-Jährigen aus Lage im Kreis Lippe durch seine Anwälte an. „Möglicherweise wird sich der Angeklagte ergänzend äußern“, sagte sein Rechtsanwalt Johannes Salmen. Die Verteidigung werde den Termin dafür rechtzeitig bekanntgeben, damit Augenzeugen und Nebenkläger die Gelegenheit bekämen, an diesem Tag dabei zu sein. Bislang schweigt der Angeklagte zu den Vorwürfen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen vor. Er soll in Auschwitz Mitglied des SS-Totenkopfsturmbanns gewesen und dort zum Unterscharführer aufgestiegen sein. In seiner Vernehmung bei der Polizei soll der Angeklagte seine Anwesenheit als Wachmann im KZ Auschwitz bestätigt haben. Von der Ermordung der Menschen dort habe er aber nichts gewusst.

Weitere Augenzeugen sagen aus

Am zweiten Verhandlungstag sagten zwei weitere Auschwitz-Überlebende aus. „Der Zug hielt an einer schneebedeckten Fläche“, so schilderte der Chemnitzer Justin Sonder (90) seine Ankunft im Lager. „Kinder schrien nach der Mutter, Frauen nach ihren Männern.“ Die SS-Männer fragten nach Alter und Beruf. Der Name habe keine Rolle mehr gespielt. „Schon dort hatte ich meine Identität verloren“, sagte der 90-Jährige. Besonders bewegt erzählte er, wie er gleich am ersten Tag erfuhr, dass seine Mutter einen Monat vorher in Auschwitz vergast worden war.

"Ich werde das nie vergessen“

Pressekonferenz von Auschwitz-Überlebenden zum Prozessbeginn in Detmold

Pressekonferenz von Auschwitz-Überlebenden zum Prozessbeginn in Detmold

17 Selektionen überlebte Justin Sonder in Auschwitz. „Man kann nicht in Worte fassen, was eine Selektion bedeutet“, sagte er der Vorsitzenden Richterin Anke Grudda. „Das macht dich kaputt.“ Wenn man gebeugt am SS-Mann vorbeiging, dann habe er den Daumen gesenkt. „Das bedeutete Tod.“ Eindrücklich schilderte der ehemalige Kriminalbeamte die Hinrichtung eines 16-Jährigen Griechen am Galgen. Er hatte während eines Fliegerangriffs ein Stück Brot gestohlen. Darauf habe die Todesstrafe gestanden. Alles sei ganz ruhig gewesen. „Sein letztes Wort war Mama. Ich werde das nie vergessen.“ Justin Sonder und die anderen Häftlinge seien schweigend zurück in die Baracken gegangen.

Die Rolle der Wachleute

Ex-Auschwitz-Wachmann Reinhold H. kommt am 11.02.2016 in Detmold in den Verhandlungssaal

Der ehemalige Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning im Gerichtssaal

Mehrfach kam in den Befragungen die Rolle der Wachmänner zur Sprache. „Auschwitz war immer nur Brüllen und Schlagen“, sagte die 93-jährige Erna de Vries aus Lathen im Emsland über ihre zwei Monate im Lager. An die Bewachung könne sie sich aber nicht mehr erinnern. Sie habe sich nur auf ihre Mutter konzentriert, mit der sie im Lager war und die dort auch umkam. Leon Schwarzbaum (94), KZ-Überlebender aus Berlin, sagte, er habe den SS-Leuten nie in die Augen gesehen, weil er zu viel Angst hatte. Auf die Frage der Richterin, ob Justin Sonder jemals etwas Gutes von einem Wachmann wiederfahren wäre, antwortete er bestimmt mit: „Nein.“ Anders als am ersten Prozesstag schien der Angeklagte mehr von der Verhandlung mitzubekommen und verfolgte die Aussagen der KZ-Überlebenden aufmerksam.

Gericht will Kriminalbeamten hören

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt. An den zwei Tagen werden weitere Augenzeugen zu Wort kommen. Außerdem will das Gericht einen Kriminalbeamten hören, der den Angeklagten nach der Durchsuchung seiner Wohnung im lippischen Lage vor etwa eineinhalb Jahren befragt hat.

Stand: 12.02.2016, 12:52