2. Prozesstag: Überlebende sagen aus (4)

Ex-Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning am 11.02.2016 bei seinem Prozess in Detmold

Auschwitz-Prozess in Detmold

2. Prozesstag: Überlebende sagen aus (4)

Von Oliver Jürgens

In Detmold läuft der Prozess gegen den ehemaligen Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning (94). Dem Mann aus Lage im Kreis Lippe wird Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen vorgeworfen. Heute sagen Überlebende des Vernichtungslagers als Zeugen aus.

Der Angeklagte soll von 1943 bis 1944 im Auschwitz-Stammlager am Massenmord beteiligt gewesen sein. Ihm droht eine Haftstrafe von mindestens drei Jahren. Oberstaatsanwalt Andreas Brendel schilderte am Donnerstag (11.02.2016) in seiner Anklageschrift das Grauen von Ausschwitz. "Die Entscheidung über Leben und Tod lag in den Händen der Männer an der Rampe." Sie hätten willkürlich entschieden, sagte der Dortmunder Staatsanwalt. Und er sprach von einer "fabrikmäßigen Tötung". "Dem Angeklagten war bekannt, dass er dafür gebraucht wurde. Er wollte die Tötung ermöglichen oder erleichtern."

Eine besondere Anklage

Andreas Brendel, Dortmunder Oberstaatsanwalt und Leiter der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft zur Aufklärung von NS-Verbrechen

Oberstaatsanwalt Andreas Brendel

Zum ersten Mal hat eine Staatsanwaltschaft in Deutschland den arbeitsteilig begangenen Massenmord in Auschwitz in seinem ganzen Umfang angeklagt. Bislang wurden Wachmänner allein wegen der Ermordung der Menschen vor Gericht gestellt, die unmittelbar nach ihrer Ankunft auf der Rampe für den Tod in den Gaskammern selektiert wurden. Die Staatsanwaltschaft Dortmund jedoch hat nun auch die Ermordung der Häftlinge durch die Lebensverhältnisse angeklagt. Schwere Arbeit, ungenügende Kleidung und schlechte Ernährung hätten die Menschen getötet.

Angeklagter schweigt

Reinhold Hanning nahm die Anklage regungslos auf, den Blick auf den Boden gesenkt. Zur Anklage selbst äußerte er sich nicht. Seine Verteidiger sprachen für ihn und schilderten seinen Werdegang. Von der Volksschule sei Reinhold Hanning nach der Militärzeit in englische Kriegsgefangenschaft gekommen. Danach habe er als Koch und dann in einem Molkereigeschäft als Verkäufer und Ausfahrer gearbeitet. Später habe er den Betrieb dann übernommen. Die Zeit als SS-Mann ließ die Verteidigung offenbar bewusst aus. "Wir wollen uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht zur Sache äußern", sagte Verteidiger Johannes Salmen. Bei der Durchsuchung seines Hauses vor eineinhalb Jahren soll der Angeklagte jedoch zugegeben haben, Wachmann in Auschwitz gewesen zu sein. Von den Tötungen dort will er nichts gewusst haben.

Auschwitz-Überlebender sagt aus

Der Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum zeigt am Rande einer Pressekonferenz in Detmold ein altes Foto, das ihn selbst (l) neben seinem Onkel und seinen Eltern zeigt, die alle drei in Auschwitz ums Leben kamen

Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum

Als erster Zeuge wurde der 94-jährige Berliner Leon Schwarzbaum gehört. Er schilderte, wie er ins Konzentrationslager deportiert wurde. Die Nazis hätten 35 Menschen aus seiner Familie ermordet. Je älter er würde, desto häufiger müsse er an die Erlebnisse in Auschwitz denken, sagt er. Die Nazis hätten sein Leben zerstört. Leon Schwarzbaum sprach den Angeklagten danach direkt an: "Ich fordere Sie auf, die historische Wahrheit zu erzählen." Zum ersten Mal sah der Angeklagte dabei auf. Doch sein Schweigen brach er nicht. Neben Leon Schwarzbaum waren noch drei weitere Auschwitz-Überlebende im Gerichtssaal. Heute (12.02.2016) geht die Befragung der Überlebenden des Vernichtungslagers weiter. Aufgrund des Gesundheitszustands des Angeklagten ist jeder Prozesstag auf zwei Stunden begrenzt.

66 Jahre unbehelligt in Lage gelebt

Andrang beim Auschwitz-Prozess in Detmold

Die ersten Zuschauern haben sich drei Stunden vor Prozessbeginn angestellt

Laut Anklageschrift soll Reinhold Hanning 1935 der Hitler-Jugend beigetreten sein, habe sich 1940 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und auf dem Balkan und in Russland gekämpft. 1942 war er Mitglied des SS-Totenkopfsturmbanns Auschwitz, heißt es weiter. Seit 66 Jahren lebt er im lippischen Lage ein gutbürgerliches Leben, zuletzt als Witwer bei seinem Schwiegersohn.

Weitere Prozesse geplant

In diesem Jahr soll gegen weitere KZ-Helfer prozessiert werden. Am 29. Februar steht in Mecklenburg-Vorpommern ein 95-Jähriger vor Gericht, der im KZ Auschwitz-Birkenau in der SS-Sanitätsdienststaffel tätig gewesen sein soll. Er wird wegen Beihilfe zum Mord in 3.861 Fällen angeklagt. Im April soll sich in Hessen ein 93-jähriger früherer SS-Wachmann verantworten müssen. Ihm wird Beihilfe zum Mord in 1.075 Fällen vorgeworfen. Im Fall einer 91-jährigen Frau aus Schleswig-Holstein steht noch nicht fest, ob ihr der Prozess gemacht wird. Sie soll als Funkerin der Kommandantur von April bis Juli 1944 bei der systematischen Ermordung von 260.000 verschleppten Juden geholfen haben.

Bisher nur gut 40 von 6.500 SS-Wachleuten angeklagt

Rund 6.500 SS-Wachleute aus Auschwitz haben den Krieg überlebt. Nach Angaben des Internationalen Auschwitz-Komitees wurden nur gut 40 von ihnen angeklagt. 32 SS-Wachleute wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt, acht davon zu lebenslänglich.

Stand: 12.02.2016, 10:44