Schleyer-Entführung: Historische Spurensuche

Schleyer-Entführung: Historische Spurensuche

Von Dominik Reinle

Am 5. September 1977 kidnappte die RAF in Köln Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer. 30 Jahre danach hat sich WDR.de auf eine historische Spurensuche gemacht und die Schauplätze von damals besucht.

Hanns Martin Schleyer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (Aufnahme vom April 1975)

Am 5. September 1977 traf Hanns Martin Schleyer, wie jeden Montagmorgen, mit einem Privatflugzeug aus Stuttgart auf dem Flughafen Köln-Bonn ein. Sein Fahrer Heinz Marcisz chauffierte ihn ans Kölner Rheinufer. Dort hatten die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ihren Sitz. Als Doppelpräsident hatte Schleyer mehrere Termine an diesem Vormittag.

Am 5. September 1977 traf Hanns Martin Schleyer, wie jeden Montagmorgen, mit einem Privatflugzeug aus Stuttgart auf dem Flughafen Köln-Bonn ein. Sein Fahrer Heinz Marcisz chauffierte ihn ans Kölner Rheinufer. Dort hatten die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ihren Sitz. Als Doppelpräsident hatte Schleyer mehrere Termine an diesem Vormittag.

Wenige Kilometer vom Rheinufer entfernt traf sich derweil das RAF-Kommando "Siegfried Hausner" im Uni-Center-Hochhaus an der Luxemburger Straße. Die konspirative Wohnung in einer der oberen Etagen diente als Kommando-Zentrale, in der die Entführung Schleyers geplant worden war. Als "Boss der Bosse" mit SS-Vergangenheit war er für die RAF eine Leitfigur des verhassten kapitalistischen Systems. Mit der Geisel Schleyer sollten die Häftlinge der RAF in Stammheim freigepresst werden.

Eine frühere BDI-Mitarbeiterin, die noch heute im damaligen Verbandshaus am Rheinufer arbeitet, hat gute Erinnerungen an ihren alten Chef. "Er war respektiert und sehr beliebt." So sei es zum Beispiel dem Hauspersonal verboten gewesen, Personenaufzüge zu benutzen. Schleyer habe aber Küchenangestellte mit Kaffewagen trotzdem in den Aufzug gebeten. "Das war für ihn selbstverständlich."

Neben dem früheren BDI-Haus klafft heute eine Baugrube. Dort stand vor 30 Jahren das damalige BDA-Gebäude. Von hier aus startete Schleyers Wagenkolonne am 5. September 1977 gegen 17.10 Uhr zu seiner Wohnung in Köln-Braunsfeld. RAF-Späher teilten die Abfahrt telefonisch dem Kommando mit, das in einem Café auf das Code-Wort "Mendocino" wartete. Die Aktion "Big Raushole" begann.

Als die beiden Fahrzeuge gegen 17.28 Uhr in die Vincenz-Statz-Straße einbogen, schlug das RAF-Kommando zu. Mit einem Wagen, der zurücksetzte, wurde die Fahrbahn blockiert. Schleyers Limousine krachte gegen das quer stehende Fahrzeug. Das Begleitfahrzeug fuhr auf Schleyers Mercedes auf. Gleichzeitig zog ein Pärchen Sturmgewehre aus einem Kinderwagen und eröffnete das Feuer (Bild: Filmszene). Zwei weitere Männer schossen mit einer Maschinenpistole und einem Repetiergewehr.

Die drei LKA-Beamten im Begleitfahrzeug und Schleyers Fahrer hatten keine Chance. Sie starben noch am Tatort - eine Parallelstraße von Schleyers Wohnung entfernt. Die Polizei stellte später fest, dass mindestens 119 Schüsse abgegeben wurden. Schleyer blieb bewusst verschont. Er wurde unverletzt von den Terroristen aus dem Auto gezerrt und zu einem bereitstehenden VW-Bus geschleift. Der Überfall hatte etwa zwei Minuten gedauert.

Eine Anwohnerin erinnert sich auch 30 Jahre später noch genau an diesen Abend: "Ich kehrte aus der Stadt zurück, sah die demolierten Wagen und dachte auf der Baustelle an der Ecke sei ein Unfall geschehen." Zu Hause erfuhr sie, dass ihr Mieter, ein junger Arzt, zu Hilfe gerufen worden war. "Als er wieder kam, war er ganz fertig und sagte, so etwas Schreckliches hätte er noch nie gesehen." Sie habe ihm erst einmal einen Cognac eingeschenkt.

"Schleyer wollte zu Hause nur das Hemd wechseln und danach weiter zu einer Veranstaltung in Düsseldorf fahren", erzählt ein Anwohner, der täglich mit seinem Hund im nahen Stadtwald spazieren geht. Vor dem Attentat sei ihm nichts Verdächtiges aufgefallen: "Dadurch, dass hier gebaut wurde, waren eine Menge Leute unterwegs." Heute sei die Vincenz-Statz-Straße jedenfalls "der historische Ort des Deutschen Herbstes".

An der Einmündung zur Vincenz-Statz-Straße erinnert ein Kreuz an die Opfer des RAF-Überfalls. Die darauf angebrachten Zeitungsfotos zeigen neben Schleyer seinen Fahrer Heinz Marcisz sowie die Polizeibeamten Reinhold Brändle, Roland Pieler und Helmut Ulmer. Zuständig für den Begleitschutz von Schleyer war die Polizei des Landes Baden-Württemberg. Seit dem 2. August 1977 galt für Schleyer die höchste Sicherheitsstufe: "mit einem Anschlag ist zu rechnen".

Das rund zwei Meter hohe Kreuz wurde kurz nach dem RAF-Attentat von Braunsfelder Bürgern gezimmert und zunächst auf dem Gehweg der Vincenz-Statz-Straße aufgestellt. Nach einem Beschluss der Bezirksvertretung wurde das Mahnmal dann im Dezember 1977 an den Rand des Stadtwaldes verlegt. Daneben steht heute eine Gedenksäule, die von der Stadt Köln am ersten Jahrestag des Überfalls enthüllt wurde.

Das offizielle Mahnmal aus Basalt befindet sich gegenüber dem Tatort in der Vincenz-Statz-Straße. Die 3,75 Meter hohe Säule wurde vom Kölner Bildhauer Professor Hans Karl Burgeff geschaffen und kostete 88.000 Mark. Gestaltung und Preis waren damals umstritten. An der Rückseite der fünfeckigen Säule ist ein Relief angebracht: Eine geknickte Maisstaude symbolisiert jäh vernichtetes Leben.

Auch die Inschrift der Gedenktafel, die am Sockel der Säule eingelassen wurde, war strittig. Während die CDU die Namen der Ermordeten aufführen wollte, waren die anderen Fraktionen für den Text, der heute zu lesen ist: "Den Opfern des Terrorismus. Für die freiheitliche, rechtsstaatliche und soziale Demokratie. Die Bürger von Köln, 5. September 1977."

Nach dem blutigen Überfall in der Vincenz-Statz-Straße raste das RAF-Kommando mit dem bereit gestellten VW-Bus stadtauswärts. Während der Fahrt bekam Schleyer eine Beruhigungsspritze. Nach wenigen Minuten rollte das Fluchtfahrzeug in Köln-Junkersdorf in eine Tiefgarage am Wiener Weg. Die zugehörige Hochhaus-Wohnung war von der RAF nur gemietet worden, um an den Garagenschlüssel zu kommen.

Die heutige Bewohnerin der früheren RAF-Wohnung weiß über deren Vorgeschichte nichts. Die 30-jährige Studentin hat den Namen Schleyer zwar schon einmal gehört, verbindet damit aber nichts: "Das hängt wohl mit meinem Geburtsjahr 1977 zusammen." Damals wurde Schleyer in der Tiefgarage in einen Mercedes umgeladen. Dort lag er zusammen mit einem Terroristen im Kofferraum, der ihm eine Pistole an den Kopf hielt. Die Fahrt nach Erftstadt dauerte 20 Minuten.

Gegen 18.30 Uhr erreichten die Entführer die Tiefgarage eines Hochhauses am Renngraben in Erftstadt-Liblar. Schleyer blieb weiterhin bewacht im Kofferraum des Wagens liegen. Erst als im Haus alles ruhig war, wurde er lange nach Mitternacht über den Aufzug nach oben in eine Wohnung geschleust. Dort hatte die RAF für Schleyer ein "Volksgefängnis" eingerichtet. Neben einem Raum für ihn, gab es auch ein Schlafzimmer für seine Bewacher.

Die Terroristen hatten für Schleyer einen Wandschrank mit geräuschdämmenden Platten ausgepolstert. Ob er dort untergebracht wurde, ist umstritten. Ex-RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock behauptet, man habe Schleyer den Schrank nur zur Drohung gezeigt. Die Polizei fand darin aber Haarspuren. "Was Sie da sehen, ist ein neuer Schrank", sagt der 27-Jährige, der heute mit seiner Familie in dieser Wohnung lebt. "Den alten hat das BKA ausgebaut und mitgenommen."

Im Zimmer gegenüber des Wandschranks befand sich 1977 der Aufenthaltsraum der Entführer - ausgestattet mit Fernseher und Radio. Heute ist darin das Elternschlafzimmer. Die Vorgeschichte seiner Wohnung hat der Familienvater erst nach dem Einzug vom Hausmeister erfahren. Das stört ihn aber nicht: "Was vorher hier drin war, ist uns egal." Er deutet auf die beiden Wände, an denen die Betten stehen: "Entweder hier oder gegenüber wurde Herr Schleyer fotografiert."

Am zweiten Tag der Entführung machte das RAF-Kommando in Erftstadt-Liblar die ersten Polaroid-Fotos von Schleyer - als Lebenszeichen für den Bundeskanzler und das BKA. Ein langes Tauziehen begann: Der nur 30 Minuten entfernte Krisenstab in Bonn ließ immer wieder die Ultimaten der RAF verstreichen. Nach zehn Tagen wechselten die Entführer das Versteck. Um der Fahndung zu entgehen, brachten sie ihr Opfer zuerst nach Den Haag und schließlich nach Brüssel.

Die Lage spitzte sich weiter zu, als ein Palästinenser Kommando die Lufthansa-Maschine "Landshut" kidnappte und ebenfalls die Freilassung der RAF-Gefangenen forderte. Kurz nachdem es der GSG-9 gelang, die Flugpassagiere zu befreien, wurden die RAF-Häftlinge tot in ihren Zellen aufgefunden. Schleyer wurde daraufhin von seinen Entführern erschossen. Seine Leiche wurde am 19. Oktober 1977 im Kofferraum eines Wagens im elsässischen Mühlhausen gefunden.

Zum RAF-Kommando "Siegfried Hausner", das die Schleyer-Entführung durchführte, gehörten: Sieglinde Hofmann, Willi Peter Stoll, Peter Jürgen Boock und Stefan Wisniewski. Drei von ihnen wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, inzwischen aber auf Bewährung oder vorzeitig entlassen. Willi Peter Stoll wurde 1978 bei dem Versuch, ihn festzunehmen, von der Polizei in Düsseldorf erschossen.

Stand: 04.09.2007, 06:00 Uhr