"Ein solcher Anschlag war vorherzusehen"

Trauer nach Anschlag in Istanbul

Türkeistämmige trotzen Terrorakt

"Ein solcher Anschlag war vorherzusehen"

Von Nina Giaramita

  • Sorge bei Türkeistämmigen nach Anschlägen in Istanbul
  • Weitere Anschläge befürchtet
  • Reisewarnung wird für Aktionismus gehalten

Gülsen Celebi ist oft in Istanbul. Die Düsseldorfer Anwältin besucht dort Geschäftspartner, Freunde und Verwandte. Einen Tag vor den Anschlägen im Altstadtviertel Sultanahmet war Celebi noch in der Stadt. Am Montagabend (11.01.2016) bestieg sie den Flieger Richtung Deutschland. Wenige Stunden später erreicht die Düsseldorferin die Nachricht, dass es in der Innenstadt von Istanbul eine Explosion gab, bei der zehn Menschen getötet wurden. Der Ort gilt als touristisch, aber Celebi hält sich dort auch öfter auf. "In der Nähe gibt es den ägyptischen Basar, bei dem ich mir immer Leckereien hole", erzählt sie. Jetzt ist das Viertel zu einem Ort des Terrors geworden. "Ich bin sehr betroffen, denn es trifft immer Unschuldige", sagt sie und fügt lakonisch hinzu: "Es war vorherzusehen, dass ein solcher Anschlag passiert." Celebi befürchtet "aufgrund der politischen Verhältnisse im Land" weitere Anschläge.

"Es wird immer schlimmer"

Auch die türkeistämmige Kölner Politikerin Lale Akgün hat eine persönliche Beziehung zu Istanbul. Sie ist in der Stadt geboren und hat ihre Kindheit dort verbracht - angesichts der gestrigen Nachricht fühlte sie sich "völlig hilflos". Schon seit langem verfolgt sie tagtäglich die Entwicklungen in der Türkei und muss feststellen, dass die gesellschaftlichen Spannungen immer weiter zunehmen. "Es wird immer schlimmer." Den Ort, an dem der Terroranschlag verübt wurde, vergleicht sie mit der Kölner Domplatte - "jeder Tourist geht dorthin, wenn er nach Istanbul reist", sagt sie.

Trauerbekundungen auf Deutsch

"Der Tourismus ist sehr wichtig für die Stadt", sagt Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler aus Duisburg. "Jetzt wird dieser Wirtschaftszweig unter Druck geraten." Küpeli hat mitbekommen, dass einige türkische Zeitschriften angesichts der Toten ihre Trauer auf der Titelseite auf Deutsch bekundet haben. "Diese Betroffenheit und das Mitfühlen mit den deutschen Opfern ist glaubwürdig", sagt er. Dennoch hat er wie viele andere ebenfalls mitverfolgt, dass es in den sozialen Netzwerken Enttäuschung gibt - darüber, dass ein Anschlag in Istanbul nicht ähnliche Beileidsbekundungen nach sich zieht wie die Geschehnisse in Paris.

"Seit Monaten in Alarmbereitschaft"

Der Kölner Journalist Ekrem Senol erklärt sich die ausbleibenden Reaktionen damit, dass der Terror in der Türkei "fast schon Alltag" sei. "Man hat sich leider daran gewöhnt", sagt er. Sein Onkel und seine Cousins leben ebenfalls in Istanbul - sie sind wie alle Landsleute "seit Monaten in Alarmbereitschaft". "Die Leute lassen sich jedoch nicht beirren", stellt Senol fest. "Daher möchte ich jetzt auch nicht in Pessimismus verfallen." Die Reisewarnung, die nun vom Auswärtigen Amt ausgesprochen wurde, hält Senol für "Aktionismus". Die Düsseldorferin Gülsen Celebi wird sich ebenfalls nicht davon abhalten lassen, weiterhin nach Istanbul zu reisen. "Selbstverständlich werde ich auch in Zukunft dorthin fliegen," sagt sie, "so wie ich auch weiter nach Paris fahren werde".

Stand: 13.01.2016, 17:26

Weitere Themen